Ausblick auf ein Jahr gro├čer Ungewissheiten

Abschied nehmen in einer schwierigen Zeit

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KOLUMNE Es gilt Abschied zu nehmen zu einem schwierigen Zeitpunkt, dem vielleicht schwierigsten, wenn ich auf mein Leben als Angeh├Âriger der “goldenen” Generation der Bundesrepublik Deutschland zur├╝ckblicke. Zwar “ziert” meine Geburtsurkunde noch das Hakenkreuz, aber ich geh├Âre nach langer Zeit der ersten deutschen Generation an, die nicht in den Krieg ziehen musste, anders als mein Vater, der Soldat im Zweiten Weltkrieg war oder mein Schwiegervater, der im Ersten und Zweiten Weltkrieg k├Ąmpfte, der die Schlachten vor Verdun und an der Somme ├╝berlebte.

W├Ąhrend der zur├╝ckliegenden vier Jahre habe ich versucht, Ihnen ein schwieriges neues Heimatland zu erkl├Ąren, es Ihnen auf der einen Seite n├Ąher zu bringen, auf der anderen Seite aber auch Ihre Gef├╝hle zu respektieren, anders gesagt, den Kontakt zur Heimat von Eltern, Gro├čeltern und Verwandten nicht abrei├čen zu lassen. Besonderen Wert legte ich auch darauf, Ihnen die Welt zu erkl├Ąren, die Zusammenh├Ąnge herzustellen, um die Rolle Deutschlands und der T├╝rkei in der globalen Welt besser zu verstehen. Solange die Verh├Ąltnisse stabil waren, und das waren sie im Gro├čen und Ganzen bis zum Sommer dieses Jahres – auch wenn Sie mit Sorge die Entwicklungen in der T├╝rkei verfolgten – ging dies gut. Aber seit einigen Monaten ist alles anders, der Boden beginnt unter unseren F├╝├čen zu wanken.

Vor allem Sie, meine verehrten Leser des Deutsch-T├╝rkischen Journals, sind mehreren Beschwernissen gleichzeitig ausgesetzt: die deutsche Fl├╝chtlingskrise, das sp├╝re ich, belastet Sie. Mit Recht fragen Sie danach, ob die deutsche Gesellschaft in der Lage ist, die Ressourcen weiterhin bereitzustellen und die Energie aufzubringen, den sp├Ąt gestarteten Kurs der Integration der Deutscht├╝rken fortzusetzen. Er befand sich bis zum letzten Jahr auf einem guten Weg. Vor allem die muslimischen Menschen, die sich zu den Lehren Fethullah G├╝lens bekennen, leiden nun unter den Auseinandersetzungen, die ausgehend von der t├╝rkischen Innenpolitik nach Deutschland hineingetragen werden. Die Bundesrepublik, das sage ich ganz offen, gew├Ąhrt nicht den Schutz, den diese f├╝r das Land so wichtige Personengruppe ben├Âtigt und verdient.

Zu den Ungewissheiten ├╝ber die Zukunft der T├╝rkei kommen weitere Risiken hinzu, der bevorstehende Amtsantritt von US-Pr├Ąsident Trump, einem v├Âllig unbeschriebenen Blatt in der Weltpolitik als der neue Chef einer an sich selbst zweifelnden Supermacht, wenn man an Aleppo, an die Verh├Ąltnisse im Nahen und Mittleren Osten denkt. Wie wird sich dieses Vakuum der Weltpolitik, in das Putins Russland hineingesto├čen ist, weiter entwickeln, welche Rolle wird die T├╝rkei Erdo─čans dabei spielen? Und was hat Europa dagegen zu setzen, damit wir nicht wieder in ein Zeitalter der Diktatoren eintreten?

Die von Bundeskanzlerin Merkel in Gang gesetzte Fl├╝chtlingspolitik hat schlie├člich zu gravierenden Ver├Ąnderungen in der deutschen Parteienlandschaft gef├╝hrt. Die jahrzehntelange, durch die Hitlerzeit begr├╝ndete Zur├╝ckhaltung der deutschen Gesellschaft existiert nicht l├Ąnger, radikale, populistische Parteien sind hoff├Ąhig geworden, sie f├╝hren zu starker Verunsicherung gerade bei den “neuen” Deutschen, gerade bei der Altersgruppe, die sich mit dem Gedanken tr├Ągt, den deutschen Pass und nur den deutschen anzunehmen. Der Parteitagsbeschluss der CDU in dieser Frage war fatal.

Aber noch ist die Bundesrepublik eine stabile, in sich ruhende Demokratie, an deren breiter Mitte, basierend auf dem Wohlstand einer f├╝hrenden Industrienation, nicht zu zweifeln ist. Daran wird sich nach meiner Einsch├Ątzung auch nichts ├Ąndern, wenn das Land bereit ist, die Herausforderungen anzunehmen, die nun hinzugekommen sind, innen- wie weltpolitisch. Der Anschlag in Berlin, wenige Tage vor dem Fest der Feste der Deutschen, zeigt die dramatischen Ver├Ąnderungen an. Mit Besonnenheit auf ihn zu reagieren ist das eine, mit Entschlossenheit und Willen zum Handeln das andere. Mit Best├╝rzung nehmen wir wahr, dass die Bundesrepublik auf die neue Lage nicht vorbereitet ist, staatliche Stellen haben gleich reihenweise versagt.

In dieser Situation von Ihnen Abschied zu nehmen, f├Ąllt nicht leicht. Noch gr├Â├čer ist mein Bedauern, dass die bl├╝hende Presselandschaft der World Media Group in Offenbach, die ich bei einem Besuch von Vizekanzler Gabriel am Main vor drei Jahren erlebte, nicht l├Ąnger existiert. Auch in den Redaktionsr├Ąumen in Berlin-Mitte sind die Lichter verl├Âscht, aber nicht ganz. Es ist zu hoffen, dass mit dem DTJ ein wichtiger Baustein erhalten bleibt. Adieu, verehrte Leser, auf Wiedersehen, Freunde.