Achtung, Buch!

Heute schon ein Buch gelesen? Lesen bildet, heißt es ja immer, und in dem beängstigenden Zustand, in dem sich unsere Kultur befindet – Sie wissen schon: Kein Kind kann mehr auch nur einen Satz fehlerfrei, geschweige denn, einen gescheiten Aufsatz schreiben, die Einwohner unserer glorreichen Republik beziehen ihre geistige Nahrung überwiegend aus Talk- und Castingshows… Worauf ich hinaus will: Bildung tut Not. Und um sich zu bilden und ein vernünftiges Mitglied unserer Gesellschaft zu werden, muss man lesen. Richtig?

Aber dann, frage ich Sie, wie kann es denn sein, dass unser Bildungsstand so Besorgnis erregend ist, wenn allein 2006 rund 280.000 Menschen die Frankfurter Buchmesse besucht haben? Und hier noch ein paar eindrucksvolle Zahlen: Der Umsatz der Buchbranche lag 2006 bei 9,3 Milliarden Euro, der durchschnittliche Buchpreis bei circa 19,20 Euro (Quelle: Buch und Buchhandel in Zahlen 2007). Wenn man das mal spaßeshalber ausrechnet, ergibt das 484.375.000 verkaufte Bücher pro Jahr, das macht bei rund 82 Millionen Einwohnern im Land 5,9 gekaufte Bücher pro Nase.

Da hierbei auch die Kinder, die noch gar nicht lesen können, sowie die Alten mitgezählt werden, die vielleicht nicht mehr lesen können, liegt die tatsächliche Zahl der Bücher pro lesefähigem Einwohner vermutlich noch höher. Und hierbei handelt es sich ja nur um die gekauften Bücher, gelesen werden wahrscheinlich mehr, denn es werden ja auch Bücher ausgeliehen oder weiterverschenkt, und dann gibt es noch Zeitungen, Zeitschriften, Internetseiten, Gebrauchsanleitungen und was man sonst noch so alles lesen kann.. Da ist also eine ganz schöne Menge Lesematerial im Umlauf… Ich weiß zwar nicht, wie es Ihnen geht, geschätzter Leser, ich jedenfalls finde, dass diese hohe Zahl so gar nicht zum ausgerufenen Bildungsnotstand passt. Vielleicht ist da der Zusammenhang umgekehrt – wir sind nicht dumm und lebensunfähig, weil wir zuwenig lesen, sondern weil wir zuviel lesen?!

Lies mich!

Es geht ja schon los mit dem wohlbekannten Ehepaar mit der Zeitung am Frühstückstisch. Anstatt miteinander zu reden, liest man. Und da man auch sonst nicht miteinander redet, kriegt man nichts mehr voneinander mit und verliert das Interesse aneinander. Und wenn man es merkt, was passiert dann? Dann kauft man sich einen Ratgeber über gelungene Kommunikation in der Ehe. Den liest man dann – wieder keine Zeit zum Reden – und erfährt, dass das ganze Problem mit der unaufgearbeiteten Kindheit zusammenhängt. Man entschließt sich, eine Therapie zu machen und sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Wieder keine Zeit zum Reden. Wozu auch? Schließlich muss erst das Problem gelöst werden. Eines Tages kommt man von der Gruppe heim und der Partner ist weg. Schade, aber nicht so schlimm. Schließlich gibt es Scheidungsratgeber.

Oder es geht einem so, wie einem guten Freund von mir, der sich neulich einen Kommunikationsratgeber kaufte und dann gar nicht mehr wusste, wie er mit seinen Mitmenschen reden sollte, weil er sich nicht mehr traute, so zu reden, wie vorher, aber auch nicht wusste, was er sonst sagen konnte. Ich sage nur: Tragisch! Zuviel Lesen kann auch im Haushalt zum Problem werden, nämlich wenn man vor Gebrauch der neuen Stereoanlage – die eigentlich selbsterklärend funktioniert und ganz ähnlich wie die alte – meint, erst einmal die Bedienungsanleitung lesen zu müssen und am Ende so verwirrt ist, dass man sich wundert, wieso das Ding nicht mal angeht.

20 Millionen überflüssige Pfannen

Wie denn auch, wenn man nicht den Stecker reinsteckt. Oder sich eine neue Pfanne kauft und sich nach dem dummen Fehler, die Pflegehinweise zu lesen, gar nicht mehr traut, sie zu benutzen – man könnte sie ja überhitzen!- , und gleich eine andere kauft. Na, wie viele unbenutzte Pfannen stehen in Ihrem Küchenschrank? Jetzt denken Sie mal nicht, das sei harmlos! Wenn nur jeder zweite deutsche Haushalt, von denen es immerhin rund 40 Millionen geben soll, ein solches Exemplar vor sich hinrotten hat, dann reden wir von 20 Millionen überflüssigerweise hergestellter Pfannen. Und dahinter steckt eine Energie- und Rohstoffverschwendung, die sich die Menschheit schlicht nicht mehr leisten kann! Und damit sind wir noch längst nicht am Ende der Besorgnis erregenden Folgen des Lesens angelangt.

Richtig schlimm wird es, wenn die Menschen anfangen, vorbehaltlos zu glauben, was sie lesen. Da steht auf dem großen Werbeplakat neben der Bushaltestelle „Meiers Multivitaminsaft hält Sie für immer gesund“, und dann gehen sie hin und kaufen das Zeug gleich kistenweise. Jahre später muss der Hersteller sein Produkt vom Markt nehmen, weil sich herausstellt, dass der verwendete Süßstoff krebserregend war. Oder sie verschlingen Krimis und können dann nachts nicht schlafen vor lauter Alpträumen oder lesen tonnenweise kitschige Liebesromane und verstehen dann nicht mehr, warum in ihrem Leben kein adliger Prinz von einer Wolke herabschwebt und Ihnen sein Königreich zu Füßen legt.

Oder, und das ist womöglich das Allerschlimmste, sie treffen ihre Wahlentscheidung aufgrund dessen, was sie in der Zeitung über die Kandidaten gelesen haben…Sie sehen: Lesen kann richtig gefährlich sein. Doch ganz im Vertrauen: Nicht Lesen ist auch keine Lösung. Wie die Lösung dann aber aussieht, weiß ich auch nicht so recht – ich werde mal ein wenig herumstöbern in den ganzen Zeitschriften, Büchern und Webseiten. Das hilft immer. Sobald ich etwas gefunden habe, können Sie es hier lesen. Selbstverständlich auf eigene Gefahr.

Dieser Artikel erschien 2008 in der Zeitschrift „Zukunft“.