Steinsäule in Göbeklitepe

Archäologische Funde von welthistorischer Bedeutung werden allzu oft rein zufällig gemacht und dann lange Zeit gar nicht als solche erkannt. So ist vom berühmten Stein von Rosette die Geschichte überliefert, dass er nur entdeckt wurde, weil er ein Stück aus dem Sand ragte und ein französischer Offizier aus Napoleons Expeditionskorps mit seinem Pferd darüber stolperte.

Ähnliches hat sich in Anatolien zugetragen, als ein lokaler Bauer im Dorf Örencik nahe Göbeklitepe 1983 sein Feld bestellte. Im Pflug blieb ein Stück Stein mit merkwürdigen Verzierungen stecken, mit denen der Bauer nichts anfangen konnte, weshalb er es sicherheitshalber ins nahegelegene Museum von Şanlıurfa brachte. Dort lag der Stein für ein ganzes Jahrzehnt, ohne dass jemand seine Bedeutung erkannte. Erst der deutsche Archäologe Klaus Schmidt sah 1994 bei einem Besuch des Museums, dass es sich um ein bedeutende Entdeckung handeln musste. Auf seine Initiative hin begann 1995 die Erforschung der Stelle, an der der Stein gefunden wurde. 2007 kulminierte seine Arbeit im Beginn von Grabungen in Göbeklitepe, die revolutionäre neue Erkenntnisse mit sich brachten und deren Tragweite sich den Wissenschaftlern erst in den letzten Jahren erschloss.

Ältestes je entdecktes religiöses Bauwerk

Vier archäologische Schichten wurden in Göbeklitepe entdeckt, von denen drei aus der Zeit des sogenannten „Akameranischen Neolithikum“, also der „keramiklosen Jungsteinzeit“, stammen. Radiocarbondatierungen haben ergeben, dass die Anlage um die 12.000 Jahre alt ist und damit eine der ältesten jemals entdeckten menschlichen Siedlungen, 7000 Jahre älter als Stonehenge und 7500 Jahre älter als die ägyptischen Pyramiden. Kurz zuvor erst war die letzte Eiszeit zu Ende gegangen. Was die Grabungsstätte zu einem Meilenstein für das Verständnis der Entstehung menschlicher Kultur macht, ist jedoch nicht nur das Alter, sondern vor allem die Funktion der Siedlung: In Göbeklitepe steht das älteste religiöse Bauwerk, das jemals entdeckt wurde.

Der 2014 verstorbene Archäologe Schmidt fasste die Bedeutung der Anlage letztes Jahr in einem Interview folgendermaßen zusammen: „Es ist keine normale Siedlungsstätte, wie wir sie aus dieser Periode kennen. […] Wir haben hier größtenteils Anlagen, die nicht für das häusliche Leben genutzt wurden. Es ist eindeutig, dass sie rituellen und religiösen Zwecken dienten. Die Stätte besteht im Wesentlichen aus Steinzeittempeln.“ Von deren Architektur zeigte sich der Archäologe beeindruckt: „Wir haben im Zusammenhang mit Jäger-und-Sammler-Gesellschaften keine so entwickelte Architektur erwartet. Jäger-und-Sammler-Gesellschaften haben die menschliche Geschichte in der Steinzeit beherrscht. Der Ackerbau war noch nicht erfunden. Das gängige Verständnis war bisher, dass sich die zivilisierte Lebensweise hier im Nahen Osten mit niedergelassenen Gesellschaften entwickelt hat, doch nun verstehen wir, dass es sehr viel komplexer war.“

Der Tempel von Göbeklitepe stammt aus einer Zeit, von der man bisher glaubte, dass der Mensch nur als Jäger und Sammler umherzog und noch nicht in festen Siedlungen lebte, geschweige denn in der Lage war, aus tonnenschweren Sandsteinmonolythen Tempelanlagen für religiöse Zeremonien zu bauen. Die Entstehung menschlicher Zivilisationen nach unserem Verständnis muss also weit nach vorn datiert werden, ebenso wie die Entstehung erster Religionen.

Bisher nur ein Bruchteil freigelegt

Die Anlage ist eine einzigartige steinzeitliche Kultanlage, die aus 5 Meter hohen, T-förmigen Kalksteinsäulen besteht, die von Steinmauern umgeben sind, aus denen wiederum etwas kleinere Säulen ragen. Alle diese Säulen sind mit Gravuren verziert, die die Wissenschaftler bis heute noch nicht ganz verstehen. Die meisten zeigen Abbildungen von Tieren, darunter Vögel, Füchse, Enten und Wildschweine, jedoch ist die Bedeutung einzelner Symbole bisher ungeklärt. Trotzdem war sich Schmidt sicher, dass es sich nicht um reine Dekoration gehandelt hat, sondern Informationen beinhaltete. „Die Sequenzen von Motiven erinnern uns an ägyptische Hieroglyphen. Es ist klar, dass wir hier keine Schrift haben, aber wir haben Symbole, die wir zum Teil verstehen“, so der Archäologe Schmidt.

Um die Symbole und die genaue Funktionsweise der anscheinend nicht überdachten Tempelanlage zu verstehen, werden noch weitere Grabungen in dem als Langzeitprojekt des Deutschen Archäologischen Instituts geführten Areal notwendig sein. Bisher wurden gerade einmal 1,5% der Anlage freigelegt, die Forscher rechnen damit, noch bis zu mehreren Hundert der beschriebenen Säulen zu finden. Für was Schmidt die Anlage hielt, ließ er vor ein paar Jahren die türkische Zeitung Özgür Gündem mit einem Augenzwinkern wissen: „Es ist der Garten Eden, in dem Adam und Eva gelebt haben.“