Afghanistan: Die andere Seite der Medaille

Von Cem Sey*

So etwas sieht man in Afghanistan nicht allzu oft: Ein sauberes, geradezu lupenreines Haus in der Hauptstadt Kabul. Der unerbittliche Staub, der selbst die eifrigsten Hausfrauen von Kabul verzagen lässt, hat in diesem Gebäude keine Chance. Aber das, was dieses Gebäude schon auf den ersten Blick als so anders erkennen lässt, ist nicht nur sein ungewöhnlich reines Äußeres. Hinter dem Gebäude gibt es moderne Sportanlagen. Dutzende Schüler spielen Fußball, Basketball oder Volleyball.

Man befindet sich auf dem Grundstück, das zu einer der Schulen gehört, die man in der Öffentlichkeit allgemein als „Gülen-Schulen“ kennt: Es ist das „Afghanisch-Türkische Lyzeum“. Das Ziel der Schulleitung ist es, den Jugendlichen, die auf dem Schulhof Sport treiben, die Möglichkeit zu bieten, später zu den bestausgebildeten und erfolgreichsten Führungskräften Afghanistans zu gehören. In Afghanistan gibt es insgesamt acht solcher afghanisch-türkischer Lyzeen, zwei davon in der Hauptstadt Kabul. Fünf davon sind Lyzeen für Jungen, drei für Mädchen. Darüber hinaus existieren drei Grundschulen. Das erste Lyzeum war bereits 1995 gegründet worden, also in einer Zeit, als die Taliban noch an der Macht waren. Das Geheimnis ihrer Beständigkeit – trotz all der politischen Wirren im Lande – liegt in der allgemeinen Anerkennung und Wertschätzung durch die Bevölkerung, die seit Generationen an einem chronischen Mangel an Bildungseinrichtungen leidet.

Ein Großteil der Lehrer stammt aus der Türkei

32 der 148 Lehrer aus der Türkei sind Frauen. Sie haben diese Aufgabe freiwillig angenommen, die Mehrheit ist sogar zusammen mit ihren Familien gekommen. Ein Vater, dessen Kind hier seinen Schulabschluss machte, sagt: „Wir haben nicht den Eindruck, dass sie sich als anders oder gar als etwas Besseres sehen würden.“ Während einer Feier zur Ehrung der erfolgreichen Schülerinnen und Schüler der afghanisch-türkischen Schulen bei den sog. „Olympiaden“, einem Wettbewerb zwischen „Gülen-Schulen“ aus aller Welt, äußerte sich der afghanische Bildungsminister Faruk Wardak ähnlich.

Wardak sagte unter den neugierigen und aufgeregten Blicken der ihm zuhörenden jungen Schülerinnen: „Viele Länder der Welt führen Hilfsaktionen für unser Land durch, aber sie erreichen damit lediglich, dass wir überleben. Ihr aber bringt uns bei, auf eigenen Beinen zu stehen.“ Der türkische Botschafter Başat Öztürk lenkt die Aufmerksamkeit auf eine andere und sehr wichtige diakonische Tätigkeit dieser Schulen: „Bildung ist für jedermann wichtig, aber ich bin überzeugt, dass sie hier vor allem für die Mädchen wichtig ist.“

Türkische Stipendien für afghanische Schüler

Öztürk berichtet auch von den Bemühungen Ankaras, die erfolgreichen Leistungen der Schüler in Afghanistan mit der Möglichkeit eines anschließenden Hochschulbesuchs in der Türkei zu belohnen. Letztes Jahr gingen 500 afghanische Schüler – nicht nur Absolventen der afghanisch-türkischen Lyzeen – mit Stipendien, die durch die Türkei vergeben wurden, an türkische Universitäten. Als der Botschafter diese freudige Nachricht verkündete, war der Beifall der jungen Mädchen besonders groß.

Inzwischen trifft man in Kabul recht häufig auf Menschen, die Türkisch sprechen. Dieser Umstand lässt sich größtenteils auf die Arbeit dieser Schulen zurückzuführen. Man trifft sie unter den afghanischen Verantwortlichen in der Verwaltung wie auch im privaten Sektor.

Restriktive Aufnahmepraxis derzeit noch nötig

Doch auch wenn die Gebühren nicht sehr hoch sind, ist es nicht so einfach, in diese Privatschulen aufgenommen zu werden. Wie Fatih Baş vom Afghanischen Zentrum für Toleranz und Dialog betont, stellen jährlich 3.000-4.000 Schülerinnen und Schüler entsprechende Aufnahmeanträge. Nach dem Aufnahmetest sinkt die Zahl der Bewerber auf etwa 800 Personen. Bei der anschließenden zweiten Prüfung werden etwa 200 Schüler ausgewählt, die dann an einem weiteren Kurs teilnehmen.

Die Schüler, die hier zuerst innerhalb von 15 Tagen neben Grundkenntnissen in Türkisch auch Unterricht in den Fächern wie Mathematik und Physik erhalten, nehmen dann an einem finalen persönlichen Gespräch teil.

Baş erwähnt, dass bei diesem letzten Test auch auf körperliche Merkmale der Schüler geachtet werde. Für den Unterricht von Schülern mit speziellen Bedürfnissen oder mit außerordentlichem Förderbedarf sind die Schulen derzeit noch nicht ausgerichtet, deshalb können diese auch noch nicht aufgenommen werden.

Angesichts der besonders widrigen Bedingungen, unter denen die internationalen Hilfsorganisationen in Afghanistan arbeiten müssen, erscheint die Aufbauarbeit der türkischen Schulen umso bemerkenswerter.

*Sey ist Kolumnist bei der Tageszeitung Taraf, der Artikel erschien am 03.12.2012.