Afghanistan: Zahl der zivilen Opfer sinkt erstmals seit 2001

Kabul/London – Die Zahl der zivilen Opfer im Afghanistan-Krieg ist erstmals seit Beginn der Erhebung im Jahr 2007 zurückgegangen. 2.754 Zivilisten seien im vergangenen Jahr getötet worden, zwölf Prozent weniger als im Vorjahr, teilte die Mission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) am Dienstag in Kabul mit. Die Zahl der Verletzten habe „marginal“ auf 4.805 zugenommen. Aufständische wie die Taliban seien für 81 Prozent der getöteten und verletzten Zivilisten verantwortlich gewesen, NATO-geführte Truppen und afghanische Sicherheitskräfte für acht Prozent. Die verbliebenen elf Prozent hätten keiner Konfliktpartei zugeordnet werden können.

Der Rückgang der insgesamt getöteten Zivilisten im vergangenen Jahr sei „sehr begrüßenswert“, teilte der UN-Sondergesandte für Afghanistan, Jan Kubis, mit. „Dennoch bleiben die Kosten an Menschenleben in dem Konflikt nicht hinnehmbar.“ Seit Beginn der Erhebung 2007 kostete die anhaltende Gewalt in Afghanistan nach UN-Angaben 14.728 Zivilisten das Leben.

Jedoch kommt es in Afghanistan immer noch regelmäßig zu tragischen Zwischenfällen, wie etwa NATO-Luftangriffe auf zivile Ziele. Nach offiziellen afghanischen Angaben wurden am Mittwoch bei einem Luftangriff der ISAF beispielsweise auch zehn Zivilisten getötet, unter ihnen Frauen und Kinder.

Angriffe auf zivile Regierungsmitarbeiter häufen sich und hemmen Afghanistans Entwicklung

Als Reaktion auf die zivilen Opfer durch Luftschläge will Afghanistan künftig auf NATO-Luftangriffe in bewohnten Gegenden des Landes verzichten. Präsident Hamid Karsai wies die afghanischen Sicherheitskräfte an, keine Hilfe des Militärbündnisses für solche Einsätze mehr anzufordern. Der Kommandeur der NATO-geführten Schutztruppe ISAF, US-General Joseph Dunford, sagte am Sonntag zu, der Vorgabe Karsais zu folgen. „Dies ist ein souveränes Land“, sagte der neue ISAF-Oberbefehlshaber in Kabul. „Wir können die afghanischen Truppen auch auf anderem Wege unterstützen.“

Eine weitere Entwicklung erscheint besonders vor dem Hintergrund des baldigen Abzugs westlicher Streitkräfte aus dem Land am Hindukusch als besorgniserregend mit Blick auf die Zukunft des Landes. Um „atemberaubende 700 Prozent“ zugenommen habe die Zahl der Opfer bei gezielten Angriffen Aufständischer auf zivile Regierungsmitarbeiter, hieß es im UNAMA-Jahresbericht 2012 zu zivilen Opfern im Konflikt in Afghanistan. Im abgelaufenen Jahr seien 107 von ihnen getötet und 148 weitere verletzt worden. Um 20 Prozent zugenommen habe im vergangenen Jahr die Zahl der getöteten und verletzten Frauen und Mädchen. 301 Frauen und Mädchen seien getötet worden, weitere 563 seien verletzt worden.

Am Dienstag verkündete Premierminister David Cameron, Großbritannien plane im kommenden Jahr bis zu 3800 seiner derzeit noch 9000 Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Es handele sich um Vorbereitungen für den endgültigen Abzug der gesamten NATO-Truppen aus Afghanistan, der bis Ende 2014 geplant ist. (dpa/dtj)