Ahmet Altan

Der renommierte Journalist und Schriftsteller Ahmet Altan ist nach einer Haftzeit von über drei Jahren wieder auf freiem Fuß. Obwohl er der Gefahr ausgesetzt ist, erneut verhaftet zu werden, will Altan nicht schweigen. Seit gestern muss er sich vor einem Istanbuler Gericht für eine Kolumne, die er 2010 veröffentlicht hat, verteidigen. Die Staatsanwalt wirft ihm vor, in der Kolumne wichtige geheime Dokumente öffentlich gemacht zu haben. Dennoch denkt Altan nicht nur an sich und erhebt seine Stimme für die unzähligen Menschen, die seiner Ansicht nach zu Unrecht in türkischen Gefängnissen sitzen.

In seinem Buch „Ich werde die Welt als freier Mensch nie wieder sehen“ schrieb Altan, dass er nicht klein beigeben werde und er stärker sei als die Umstände, die zu seiner Verhaftung führten. Auch aus der Haft und in Gerichtsverhandlungen hat Altan bei jeder Gelegenheit seine Stimme für Freiheit und Gerechtigkeit erhoben. Roberto Saviano erinnert ihn im via Skype geführten Interview für die italienische Zeitung La Republica an seine Aussagen. Doch Altan lässt das offenbar kalt: „Viel hat sich nicht verändert. Der Staatsanwalt fordert meine erneute Verhaftung und wir werden auf das Urteil des Richters warten. Um es offen auszusprechen; es kann passieren, dass sie kommen und mich während dieses Interviews mit Ihnen abführen.“ Angst habe er vor einer erneuten Verhaftung aber nicht.

„Finstere Regime“ als Gelegenheit für Schriftsteller

Altan saß über 1100 Tage in Gefängnis. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft vor, mit seiner journalistischen Tätigkeit die Gülen-Bewegung willentlich unterstützt zu haben, obwohl er kein Mitglied der in der Türkei mittlerweile verbotenen und als terroristisch eingestuften Bewegung sei. Auf die Frage, mit wie vielen Insassen er seine Zelle geteilt habe und ob eine Freundschaft entstanden sei, antwortet Altan: „Wir waren zu dritt. Ja, sie waren sehr gute Freunde. Insbesondere für einen von ihnen war ich wie ein Vater. Es schmerzt sehr, ihn zurückgelassen zu haben. Auch deswegen ist frei zu sein kein Zustand, über den ich mich richtig freuen kann. Du weißt ja, dass hinter den eisernen Gittern tausende unschuldige Menschen sitzen. Das verletzt mich zutiefst und macht mich fertig.“

Einer dieser Häftlinge ist Selman. Seine Geschichte erzählt Altan in seiner ersten Kolumne, die er in der Freiheit verfasst hat. Sie trägt den Titel „Die Papierflöte“ und ist auf Türkisch auf dem Nachrichtenportal t24 und auf Englisch auf dem Nachrichtenportal The Observer erschienen.

Über die Beziehung zwischen Schriftstellern und diktatorischen Regimen sagt Altan: „Finstere Regime sind für Schriftsteller eine Bedrohung, bieten ihnen aber auch eine Gelegenheit. Denn ein Kerzenlicht kann einen dunklen Raum erleuchten. Im Dunklen ist eine Kerzenflamme stärker als ein Lichtprojektor am hellichten Tag.“