Ak Saray, so heißt der neue Palast in Ankara. Darin residiert der neue türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan. Tausend Zimmer soll er haben. Von außen gesehen sieht er imposant aus. Doch wofür steht er?

Erdoğan und seine Gefolgsleute sprechen seit einiger Zeit über die Neue Türkei. Glaubt man ihnen, so steht die Neue Türkei für das neue Selbstbewusstsein des Landes. Ein Land, das in seiner Region Ansprüche erhebt, für andere die Richtung vorgeben will, brauche natürlich entsprechende Repräsentation. Ak Saray stünde dafür. Stimmt das?

Präsidenten-Palast mit Partei-Namen

Schön wär’s. Wären da nicht die Ungereimtheiten. Zum einen: Der neue Palast wurde gegen den Willen der Gerichte gebaut. Ein Gericht in Ankara ordnete einen Baustopp an. Doch Erdoğan widersetzte sich dem. Auf Kritik der Opposition reagierte er mit den Worten: „Sollen sie ihn doch abreißen, wenn sie können.“ Streng genommen hat man da mit einem illegal errichteten Gebäude zu tun.

Eine andere Ungereimtheit: Was die Bezeichnung „Ak Saray“ bedeutet, woher das Kürzel „Ak“ kommt, kann man sich leicht ausmalen: Vom Namen der Regierungspartei AKP. Die Buchstaben A und K stehen für Gerechtigkeit (Adalet) und Entwicklung (Kalkınma). Aber wie kann ein Präsidentenpalast den Namen seiner früheren Partei tragen? Muss er nicht neutral sein? Er hat doch geschworen, sich überparteilich zu verhalten?

Eine dritte Ungereimtheit: Wofür braucht ein Staatspräsident, der eigentlich repräsentative Funktionen hat, ein Palast mit tausend Zimmern? Ist es gerechtfertigt, für so einen Palast über eine Milliarde Türkische Lira auszugeben, während in vielen Bergwerken aus Mangel an Geld Sicherheitsbestimmungen ignoriert werden?

Mit Palast-Bau zum Staats-Ruin

Stellen wir also die Frage noch einmal: Wofür steht der neue Palast? Für eine selbstbewusste, starke Türkei? Oder vielmehr für spätosmanische Dekadenz?

Ortswechsel – gehen wir nach Istanbul. Besucher, die das kulturelle Zentrum der Türkei besuchen und eine Bootstour auf dem Bosporus unternehmen, sehen am europäischen Ufer einen imposanten Bau: Dolmabahçe Sarayı, den Dolmabahçe-Palast. Direkt am Bosporus, von einzigartiger Schönheit. Unkundige Besucher dürften darin das Symbol vergangener osmanischer Macht und Herrschaft sehen. Tatsächlich aber steckt dahinter eine andere Geschichte.

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Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts residierten die Sultane im Topkapı-Palast. Im Laufe des 18. Jahrhunderts intensivierten sich die Kontakte zu europäischen Herrscher-Häusern, es wuchs der Wunsch, eine neue Residenz zu errichten, die sich mit europäischen Bauwerken messen konnte.

So wurde der neue Palast, der Dolmabahçe Sarayı gebaut. Bauzeit: 13 Jahre, zwischen 1843 und 1856. Baukosten: Fünf Millionen Sterling. Der neue Palast wurde mit Geld finanziert, das gar nicht vorhanden war.

Andere Bauwerke als Macht-Demonstration

Fünf Millionen Sterling entsprachen damals einem Viertel der jährlichen Steuereinnahmen des Osmanischen Reiches. Der Palast wurde weitgehend über die Ausgabe von Papiergeld finanziert. Er belastete die Staatskasse dermaßen, dass der Staat in den Bankrott getrieben und sprichwörtlich zum Kranken Mann am Bosporus wurde. Am Ende des Prozesses wurde das stolze Osmanische Reich von ausländischen Mächten finanzpolitisch unter Zwangsverwaltung gestellt.

Bauwerke als Machtsymbol – das ist so eine Sache. Das größte Gebäude Europas und eines der größten der Welt befindet sich in Bukarest, Rumänien. Das sogenannte Parlamentshaus wurde zwischen 1983 und 1989 unter dem diktatorisch regierenden Staatspräsidenten Nicolae Ceausescu erbaut. Das Gebäude steht noch immer da, Ceausescu ist weg, sein Regime auch. Ginge es nach der Größe der errichteten Gebäuden, ist Rumänien eine Supermacht. Aber Liberia, Nordkorea und Brunei auch. Deutschland dürfte es gerade noch zum Schwellenland bringen.

Eines der größten Stadien der Welt befindet sich in Pyöngyang, Nordkorea. Darin trainiert die nordkoreanische Nationalmannschaft, derzeit auf Rang 148 der FIFA-Weltrangliste, Tendenz steigend. Auch eines der größten Hotels der Welt befindet sich in Pyöngyang. Seit 1987 wird er gebaut, der Rohbau steht. Er wird 105 Stockwerke haben und eine Höhe von 335 Metern. Die größte Kirche der Welt befindet sich nicht in Rom oder im Vatikan, sondern in Liberia. Der größte Regierungssitz im Sultanat Brunei im Fernen Osten.

Ak Saray: Starker Präsident – schwaches Volk?

Man dürfte geneigt sein zu fragen: Muss das alles sein? Pyöngyang gilt schließlich nicht als internationales Kongress- und Tourismuszentrum, Liberia mit seinen 4 Millionen Einwohnern nicht als Zentrum der Christenheit und Brunei mit seinen 400.000 Einwohnern nicht als stärkste Macht der Welt.

Spätosmanische Dekadenz hin, Spätosmanische Dekadenz her. Irgendwie passt der neue Palast zu Erdoğan. Wie stark die Neue Türkei ist, kann man kontrovers diskutieren, dass Erdoğan der neue starke Mann am Bosporus ist, daran kann – nach der Art und Weise, wie der neue Palast entstanden ist – niemand mehr zweifeln. Soll sich der Mann denn gar nichts gönnen?

Und: Für Macht stehen diese Gebäude ja irgendwie auch. Nicht unbedingt für die Macht des Landes, auf keinen Fall für die Macht des Volkes, aber für die Macht des neuen starken Mannes in Ankara.