Die „Hexenjagd“ auf vermeintliche Anhänger des muslimischen Predigers Fethullah Gülen und seine „Fethullahistische Terrororganisation“ FETÖ erreicht nun auch die religiösen Minderheiten der Türkei. Erstmals wurden nun direkte Vorwürfe gegen den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. erhoben, in den Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdoğan verwickelt zu sein. Das Ehrenoberhaupt der Orthodoxen paktiere seit langem mit dem von Ankara zum Staatsfeind Nr. 1 erklärten Gülen, titelte die Tagesyeıtung Akşam gestern.

Unter einem Foto von Bartholomaios I. mit Fethullah Gülen aus dem Jahr 1996 bezeichnet Nachrichtenredakteur Emre Diner die gescheiterte Erhebung von Teilen der türkischen Streitkräfte als „Werk der Gülen-Terorristen, der CIA und des griechisch-orthodoxen Patriarchats in Istanbul“. Dieses wies die Behauptung umgehend als „grundlos“ zurück. Das Patriarchat stehe schon gut einem Jahrhundert hinter der demokratischen Ordnung der Republik und habe nie gewaltsame Umstürze unterstützt oder gutgeheißen. Auch die orthodoxen Christen in der Türkei verhielten sich stets loyal gegenüber der rechtmäßigen Regierung.

Fethullah Gülen und Bartholomaios I. im Jahr 1996

Medienberichten zufolge soll Patriarch Bartholomaios die Türkei direkt wegen des Putschversuchs fluchtartig verlassen haben. Laut der Zeitung Millet Gazetesi sogar drei Stunden vor Beginn des Putsches. Dem widerspricht der griechisch-orthodoxe Metropolit von Österreich, Arsenios.

Akşam nennt als einen der Hintergründe des Militärputsches die Wiederannäherung Erdoğans an Putin nach den Monaten der Feindseligkeit aufgrund des Abschusses eines russischen Kampfflugzeuges im November 2015. Das Blatt beruft sich dafür auf Hinweise des ehemaligen US-Botschafters im Jemen, Arthur Hughes: Der CIA habe darauf die Gülen-Anhänger und das Patriarchat Konstantinopel aufgeboten, um Erdoğan zu stürzen. Gerade Bartholomaios I. sei über den wieder wachsenden Einfluss der Russen am Bosporus besorgt gewesen. Handle es sich doch beim Patriarchat Moskau um seinen gefährlichsten Rivalen um die Führung der Weltorthodoxie.

Der amerikanische Diplomat dementierte am Mittwoch mit Nachdruck, je derartige Informationen verbreitet zu haben. Diese waren zunächst in Moskau auf der Website pravoslavija.ru unter seinem Namen erschienen. Kirchliche Kreise in Istanbul heben hervor, dass frühere Begegnungen und Fotos des Ökumenischen Patriarchen mit Fethullah Gülen nicht als Beweise für ein Nahverhältnis zwischen beiden dienen könnten: Gülen habe vor seiner Übersiedlung in die USA 1999 in der Türkei den Kontakt zu Vertretern aller religiösen Gruppen gesucht, so auch den Armeniern und Juden. Dieselben Beobachter befürchten, dass das Regime Erdoğan die Medienkampagne zum Anlass für Kampfmaßnahmen gegen die griechisch-orthodoxe Minderheit in der Türkei und Patriarch Bartholomaios I. persönlich nehmen könnte. (kna/dtj)