Der irakische Schiitenführer Muqtada al-Sadr beschuldigte die irakische Regierung den Staat und die Religion zum gewaltsamen Machterhalt zu missbrauchen.

Der irakische Schiitenführer Muqtada al-Sadr kritisiert die irakische Regierung scharf und wirft ihr Versagen bei der Versorgung der irakischen Bevölkerung vor. „Es gibt keine staatlichen Institutionen, die sich um die Landwirtschaft oder um die Industrie kümmern. Es gibt keinen Frieden, sondern nur Töten und bewaffneten Kampf zwischen den verschiedenen Gruppierungen, entweder im Namen des Gesetzes oder im Namen der Religion“, sagte der Prediger, der einer einflussreichen Klerikerfamilie entstammt, am Dienstag vor Anhängern in der Stadt Nadschaf.

Die Regierung sei korrupt und auch in der Sadr-Bewegung habe es zuletzt Korruption gegeben. Ab sofort habe niemand mehr das Recht, den Namen „Al-Sadr“ für seine politischen Zwecke zu missbrauchen, fügte er hinzu. Al-Sadr, der am Montag seinen Rückzug aus der Politik bekanntgegeben hatte, rief gleichzeitig alle Iraker auf, sich an den Parlamentswahlen Ende April zu beteiligen.

Vom Milizenführer zum moralischen Gewissen der Nation?

Diese Worte aus al-Sadrs Mund zu hören, überrascht bei einem Blick auf seinen Lebenslauf. Der Schiitenführer hielt in der Vergangenheit sowohl die irakische Regierung als auch die amerikanische Besatzungsmacht in Atem. Die mehrere Tausend Mann starke Miliz von al-Sadr, die sog. Mahdi-Armee, kämpfte gegen die amerikanischen Streitkräfte, eroberte mehrere Städte und ist unter vielen Irakern bis heute ein Synonym für die konfessionelle Gewalt, die das Zweistromland besonders seit 2006 heimsuchte. Doch der Rückzug des Milizenführers aus der aktiven Politik dürfte zu keiner Stabilisierung des Iraks führen.

Der Irak erlebt seit Jahren schwere politische Gewalt, die von unterschiedlichen Konflikten ausgelöst wird:

Die Regierung unter Nuri al-Maliki und die irakischen Sicherheitskräfte, in denen viele irakische Schiiten dienen, werden von Teilen der sunnitischen Bevölkerung als verlängerter Arm des Irans wahrgenommen. Die Protestbewegung der irakischen Sunniten wurde auch von einem schiitischen Geistlichen gestützt. Nachdem im Dezember 2013 ein Protestcamp sunnitischer Demonstranten in Ramadi durch irakische Sicherheitskräfte gewaltsam erstürmt wurde, erlebt der Irak eine Welle der Gewalt. Auch einige sunnitische Stämme, die zuvor mit den Amerikanern gegen Extremisten kämpften, erhoben die Waffen gegen die schiitisch dominierten Sicherheitskräfte Bagdads.

Schiitische Milizen, al-Qaida, widerspenstige Stämme und selbstbewusste Kurden

Beinahe jeden Tag erschüttern Explosionen das Zweistromland. Bei einer Serie von Bombenanschlägen kamen am Montag in der irakischen Hauptstadt Bagdad beispielsweise mindestens 25 Menschen ums Leben. Mehr als 40 weitere wurden verletzt, wie die nationale irakische Nachrichtenagentur berichtete. Ein Sprengsatz detonierte an einer belebten Bushaltestelle im schiitischen Stadtteil Ur, allein dort starben elf Menschen. Zunächst bekannte sich niemand zu den Taten, doch in der Vergangenheit verübte die irakische al-Qaida oder andere extremistische Gruppen ähnliche Anschläge.

In den an das benachbarte Bürgerkriegsland Syrien grenzenden irakischen Provinzen startete die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS) Anfang des Jahres außerdem eine Offensive und eroberte in der Provinz Al-Anbar zeitweise mehrere Städte. Die Gefahr durch die Terrorgruppen der Al-Qaida begünstigte eine unerwartete Einigung zwischen der Regierung al-Malikis und lokalen sunnitischen Stammesführern, die ebenfalls gegen die Extremisten kämpfen.

Ein weiterer Konflikt droht im Norden des Landes zu eskalieren. Seit Jahren streitet die Regierung Bagdad mit der Regierung in der Autonomen Region Kurdistan über eine Aufteilung der kurdischen Erdölerlöse.