Alevitenführer: „Unser Glaube weist Gewalt ab“

Am 2. Juli 1993 wurden in der zentralanatolischen Stadt Sivas Teilnehmer eines alevitischen Festsaals angegriffen und anschließend das Madımak-Hotel in Brand gesetzt. 37 Personen, zumeist solche alevitischen Glaubens, kamen dabei ums Leben. Kräfte, die in der Türkei die Auseinandersetzungen zwischen Aleviten und Sunniten anfachen wollen, versuchten im Zusammenhang mit den Ereignissen im Gezi Park, nochmals die Gelegenheit zu ergreifen, um die Gräben zu vertiefen. Erfreulicherweise haben zahlreiche Meinungsführer in der Gesellschaft jedoch das falsche Spiel erkannt.

Der Präsident der alevitischen Bektaşi-Föderation, Cengiz Hortoğlu (Foto), hat gegenüber der Nachrichtenagentur Cihan umfassend zu Themen wie den Sivas-Ereignissen, dem Gezi-Park, der Annäherungspolitik der Regierung in der Alevitenfrage, den Erläuterungen Fethullah Gülens und vielem mehr Stellung genommen.

Die Annäherung in der Alevitenfrage

Hortoğlu bewertet die neuen Entwicklungen in der Alevitenfrage angesichts der Annäherungspolitik der Regierung folgendermaßen: „Es wurde ein neuer Schritt hin zur Lösung des vorhandenen Problems gesetzt. Unter dem Namen „Aleviten-Workshop“ wurde mit einer neuen Phase der Aussöhnung begonnen. Allerdings konnten von den vorgesehenen Punkten bis dato nur zwei umgesetzt werden und selbst die nur zum Teil. Sollte erneut ein positiver Schritt gemacht werden, werden wir das mit Freude und Empathie aufnehmen. Wichtig dabei ist, dass man eine Erfolglosigkeit vermeidet, wie wir sie zuvor gekannt hatten. Dieses Thema darf in der Türkei keine Debatte mehr sein.“

Fethullah Gülens Erläuterungen

„Ich gehe davon aus, dass Fethullah Gülen sich vom Propheten Mohammed und Imam Ali inspirieren lässt. Denn er versteht es brillant, zu vereinen und bringt mit seiner versöhnlichen Art und Weise Andersdenkende zu einem Konsens. Wir bedanken uns bei Gülen dafür, dass er so denkt“, so Hortoğlu.

Die Benennung der neuen Brücke am Bosporus

Laut Hortoğlu ist die Benennung der dritten Brücke am Bosporus nach Yavuz Sultan Selim eine Beleidigung für die alevitische Gemeinschaft: „Ich bin mir sicher, dass man den Namen der Brücke ändern wird. Man wird sich auf einen anderen Namen einigen.“

Die Gezi-Park-Ereignisse

Es wurde versucht, während der Gezi-Park-Ereignissen die Aleviten auf die Straßen zu locken, meint Hortoğlu und erklärt dazu wie folgt: „Die Demos, welche unschuldig angefangen haben, sind mit der Zeit unter die Kontrolle durch illegale Organisationen geraten. Diese versuchten auch jene Teile der Gesellschaft, welche Probleme und unerfüllte Erwartungen an die Regierung haben, die ausgegrenzt wurden und nun Freiheit fordern, in diese Ereignisse mit reinzuziehen. Gegenüber solchen Versuchen müssen wir achtsam sein. Wir wollen nicht, dass den Aleviten andauernd solche Fallen gestellt werden, wodurch sie in weiterer Folge von der Gesellschaft als Problem wahrgenommen werden.“

Der Vorsitzende des Alevitenverbandes weist entschieden jedwede Vereinnahmungsversuche zurück: „Die Aleviten waren nie für Gewalt. Unser Glaube weist Gewalt ab. Mit diesen Ereignissen wollten wir niemals etwas zu tun haben. Unter denjenigen, die mit einem Molotow-Cocktail Gebäude und Einrichtungen der Regierung und des Volkes in Brand setzen, sollten wir uns nicht befinden.“

Druck aus dem Iran

Die Aleviten stünden unter Druck seitens des Staates Iran, behauptet Hortoğlu: „Der Iran versucht, die türkischen Aleviten seiner Auffassung des Schiitentums anzunähern. Die Aleviten würden so etwas niemals akzeptieren. Mit dem iranischen Schiitentum haben wir nur eine Gemeinsamkeit und das ist die Vorliebe zur Ehl-i Beyt und zu Imam Ali. Ansonsten herrscht keine Gemeinsamkeit zwischen uns. Wir akzeptieren keinerlei Einfluss von außen.“

Die Ereignisse in Sivas

„Ein Risiko für ein erneutes Madımak-Ereignis ist immer vorhanden. Das Volk kann aufgehetzt werden und auf Grund von falschen Informationen in heikle und gefährliche Angelegenheiten mit hineingezogen werden – so ein Potenzial gibt es. In solch einer Situation muss die Führung verantwortungsvoll handeln, um der Entfaltung dieses Potenzials keine Chance zu geben. Solange sich die Türkei in einem Konflikt befand, wurde versucht, eine Wahrnehmung zu schaffen, die für ein normales demokratisches System unzureichend sei. Das gleiche Spiel wurde uns des Öfteren angeboten.“ Anlässlich des Jahrestags der Sivas-Ereignisse bat Hortoğlu mit diesen Worten sowohl den Staat als auch das Volk um mehr Vorsicht und Besonnenheit in dieser Phase.