Straßeninterviews in der Türkei: Die "Almancıs" fallen mit ihrem optimistischen Bild über die Lage der türkischen Wirtschaft negativ auf und geraten nicht selten in Schwierigkeiten.

Die türkische Medienlandschaft liegt am Boden, unabhängiger Journalismus ist kaum möglich. Die Streitkultur halten die beliebten Straßeninterviewer am Leben. Doch sie stigmatisieren und polarisieren teils massiv. Das trifft auch die „Almancıs“.

Mit dem Gastarbeiter-Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei kamen in den 1960er-Jahren Zehntausende Türk:innen nach Deutschland. Später zogen in den meisten Fällen auch ihre Familien nach. Überall wo die Industrie florierte, waren die türkischen Arbeitskräfte am Werk.

Heute sind die „Deutsch-Türken“ – bereits in der vierten und fünften Generation – ein ganz normaler Bestandteil der Bevölkerung in Deutschland. Doch ihre Integration war nicht einfach. Der jahrelangen Politik der Ignoranz von Seiten der Bundesregierung folgte ab 2010 die systematische Vereinnahmung durch den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dessen Partei AKP.

Populistische Debatten um Assimilation und Integration

Erdoğan gelang es mit populistischen Debatten um Assimilation die Integrationsprozesse der deutsch-türkischen Bevölkerung zu sabotieren. Die Wahlergebnisse Erdoğans in Deutschland und die Stimmanteile für dessen AKP belegen, dass der „Reis“ (der türkische Beiname für Erdoğan, auf Deutsch: „Führer“) erfolgreich war.

Mittlerweile sind weite Teile des konservativen türkischen Milieus in Deutschland im Sinne der AKP fanatisiert. Tatsächlich ist die deutsch-türkische Community aber heterogen und divers. Denn sie besteht aus verschiedenen Ethnien und spricht einen Gemisch aus den Dialekten ganz Anatoliens – mittlerweile stark geprägt von der deutschen Sprache.

Anhänger Erdoğans dominieren zahlenmäßig

Doch je stärker sich die hiesigen Türk:innen in die innenpolitischen Belange der Türkei einmischen, desto mehr geraten sie in Deutschland in ein negatives Licht. Denn die politische Brisanz der Türkei wird durch Vertreter und Verfechter der verschiedenen politischen Lager auf deutsche Straßen transportiert.

Dafür ist keinesfalls nur das Erdoğan-Lager verantwortlich. Dennoch fallen die Sympathisant:innen und Anhänger:innen des türkischen Präsidenten und der AKP stärker auf, weil sie zahlenmäßig in der Mehrheit sind.

Die mediale Berichterstattung über die türkische Bevölkerung in Deutschland fällt entsprechend oft negativ aus. Wer hier Erdoğan öffentlich verteidigt, muss damit rechnen, als Problemfall und schlecht integriert betrachtet zu werden.

„Almancı“ – keine echten Türken eben

In Deutschland bleiben sie in den entscheidenden Debatten eben doch „die Türken“. Doch auch in der Türkei ist es für sie nicht gerade einfach. Denn in ihrem Herkunftsland sind sie die „Almancıs„, was so viel bedeutet wie „die Deutschländer“. Der Ursprung dieses negativ konnotierten Beinamens liegt in der Zeit der Gastarbeiter. Er entstand in erster Linie aus Neid.

In der Türkei gab es wenig Arbeit und selten gute Aussichten auf ein finanziell unabhängiges Leben. Viele abwandernde Arbeitskräfte hatten ursprünglich das Ziel, einige Jahre in Deutschland Geld zu verdienen, um damit wieder in die Heimat zurückzukehren. Doch mit dem Nachzug der Kinder und ihrer Integration ins deutsche Schulsystem wurde ihr Band mit Deutschland gefestigt.

Unterschiede wachsen wieder

Sommerurlaube in der Heimat unterstrichen die Unterschiede. Denn die armen Bauern aus den Dörfern Anatoliens kehrten sichtbar verändert in die Türkei zurück. Die Deutsche Mark, ein Mercedes, bescheidener Reichtum: Schnell galten sie in der alten Heimat als wohlhabende Menschen – und wurden als „Almancı“ ausgegrenzt. Keine echten Türken eben.

Zurück in die Gegenwart: In den ersten Jahren der AKP-Regierung florierte die türkische Wirtschaft. Der Lebensstandard in der Türkei nahm zu. Der deutsch-türkische Reichtum stand ab 2010 nicht mehr im Fokus. So schien der Beiname „Almancı“ endlich zu weichen.

Doch mit der aktuellen Wirtschaftskrise und dem gefühlten Bankrott der Türkei wachsen die Sorgen und finanziellen Nöte der Bevölkerung. Urlaubende berichten von einer angespannten Atmosphäre im Land. In diesem Klima der Angst und Aggression ist das Gespenst des „Almancı“ offenbar zurückgekehrt.

„Almancı“ wird zum Trigger-Begriff auf Social Media

Zumindest stößt der Begriff auf eine beachtliche Reaktionsquote in den sozialen Medien. „Almancı“ ist in der Türkei längst zu einem Trigger-Begriff geworden. Wer seine Videos auf YouTube mit diesem „Keyword“ benennt, kann mit einer hohen Klickzahl rechnen. Die besten Beispiele sind Straßeninterviews in der Türkei.

Diese Formate sind bei der Bevölkerung beliebt. Ein Beispiel ist Ilave TV. Das beliebte YouTube-Format erreicht mit seinen Beiträgen zwischen zwei und drei Millionen Aufrufe. Ein Haken: Oft generieren die Straßeninterviewer ihre Reichweite durch „Clickbait“. Was bedeutet das?

„Almancı“ ist als Keyword für „Clickbait“ geeignet

Kurz: Sie betiteln ihren Content so drastisch und stellen teils unspektakuläre Inhalte so übertrieben dar, dass Menschen im YouTube-Zapping sie einfach anklicken müssen. „Harter Disput zwischen Oppositionellen und einem Almancı“ oder „Extreme Eskalation zwischen Oppositionellen und einem Almancı. Er hat sie als Verräter bezeichnet“ – so werden Dutzende Straßeninterviews betitelt.

Auch Ilave TV geht den Weg der Provokation. So machen sie den Content lukrativ. Denn sie leben von den hohen Klickzahlen und entsprechenden Werbegeldern. Der Begriff „Almancı“ ist für „Clickbait“ in der Türkei besonders gut geeignet. Denn die „Almancıs“ fallen auf.

Wettbewerb zwischen Deutsch-Türken und Türkei-Türken

Häufig läuft es so ab: Türk:innen kritisieren am Mikrofon die Zustände in der Türkei und machen die Erdoğan-Regierung dafür verantwortlich. Irgendwann taucht dann ein Deutsch-Türke im Sommerurlaub auf. Die harsche Kritik kann und will er oder sie nicht hinnehmen. In zahlreichen Fällen machen sich die Deutsch-Türk:innen für den türkischen Präsidenten stark und werfen den unglücklichen Menschen vor Ort Undankbarkeit vor.

Sobald sie sich als jemand mit Hauptwohnsitz im europäischen Ausland zu erkennen geben, sorgen sie für einen hitzigen Streit. Die Mindestlöhne beider Länder etwa werden prompt verglichen. Auch der generelle Lebensstandard und Lebensmittel- sowie Spritpreise.

AKP-Nähe der Deutsch-Türken sorgt für aggressive Stimmung

Einige Deutsch-Türk:innen reden in den Videos das Leben in Deutschland schlecht. Ein viel besseres Leben habe man in der Türkei. Ähnlich wie bei Diskussionen mit manchen Menschen in Deutschland heißt es auch bei einigen Türkei-Türk:innen dann schnell: „Weshalb lebst du dann noch in Deutschland?“.

Die Antwort auf diese Frage ist offenbarend: „Wir haben uns an unser Leben in Deutschland gewöhnt, unsere Kinder gehen dort in die Schule“. Doch in einigen Videos steigt der Pegel der Aggression so weit, dass es kurz davor scheint, auszuarten. Ein Beispiel liefert das Video, in dem ein Deutsch-Türke einem sichtbar armen jungen Mann vorwirft, aus Faulheit ein Schmarotzer zu sein.

Mythos „Almancı“ lebt

„Du würdest ohnehin nicht arbeiten gehen, auch wenn sie dir Arbeit anbieten würden“. Ein falscher Satz, nachdem der Deutsch-Türke bereits mit irreführenden Informationen über den Lebensstandard in Deutschland für eine hitzige Debatte gesorgt hatte. Kurz bevor die Fäuste fliegen, wird der Mann aus der Menge gezogen.

Der wütende junge Mann wird von den anderen Menschen im Umfeld zur Ruhe gebracht. Es ging noch einmal glimpflich aus. Der Mythos des „Almancı“ lebt wieder. In Zeiten der AKP vielleicht stärker denn je.