Das syrische Regime hat Amnesty International zufolge in den vergangenen vier Jahren Zehntausende Menschen verschleppt. Seit 2011 habe das Syrische Netzwerk für Menschenrechte mindestens 65.000 verschwundene Menschen dokumentiert, davon 58.000 Zivilisten, teilte die Menschenrechtsorganisation am Donnerstag in London mit.

„Das sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Teil einer sorgfältig geplanten Kampagne, die im Land Terror verbreiten und jeden Anflug von Widerspruch im Keim ersticken soll“, sagte Philip Luther, der bei Amnesty International für den Nahen Osten und Nordafrika zuständig ist, laut Mitteilung. Demnach werden Oppositionelle, aber auch Journalisten, Ärzte und humanitäre Helfer verschleppt.

„Die Entführten werden meist in überfüllten Zellen unter entsetzlichen Bedingungen festgehalten“, heißt es in dem knapp 70 Seiten langen Bericht. Viele sterben demnach an den Folgen von Folter und Krankheit oder werden ohne Prozess hingerichtet.

Auf der Suche nach ihren Angehörigen zahlten verzweifelte Familien hohe Bestechungsgelder und verschuldeten sich dafür häufig, heißt es weiter. Es sei ein Schwarzmarkt von Mittelsmännern entstanden, die das Geld kassierten. Amnesty zitierte einen Anwalt aus Damaskus, demzufolge die Bestechungsgelder ein „Goldesel“ für die Regierung seien. Vor allem in den vergangenen zwei Jahren seien die Entführungen gezielt genutzt worden, um Geld einzunehmen.

Unmenschliche Zustände in den Folterkellern des Regimes

Die Studentin Ranim Matuk wurde dem Bericht zufolge im Februar 2014 verhaftet und vier Monate lang festgehalten, zwei Monate lang wusste ihre Familie nicht, ob sie noch lebt. Ihr Vater, ein Menschenrechtsanwalt, ist bereits im Oktober 2012 verschwunden. Sie berichtete von Schlägen, tödlicher Folter und Vergewaltigung im Gefängnis, wo sie mit neun anderen Frauen in einer zwei mal zwei Meter großen Zelle voller Insekten gefangen gewesen sei.

„Unsere Zelle hatte ein kleines Fenster und wir konnten Leichen in den Fluren und in den Bädern liegen sehen“, berichtete sie. Es seien auch Kinder im Alter von zehn bis 15 Jahren unter den Toten gewesen.

Die Zahnärztin Rania al-Abbasi wurde laut Amnesty International im März 2013 gemeinsam mit ihren sechs Kindern im Alter von zwei bis 14 Jahren verschleppt, seitdem ist die Familie spurlos verschwunden. Der Architekturstudent Islam Dabbas, der friedliche Proteste organisiert hatte, wurde im Juli 2011 festgenommen. 2012 konnte seine Familie ihn besuchen. Seitdem antworteten die Behörden auf Anfragen, sie hätten den jungen Mann nicht mehr in Gewahrsam und wüssten nicht, wo er sei.

Amnesty International forderte die Vereinten Nationen auf, die Taten vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen und das syrische Regime mit Sanktionen unter Druck zu setzen. Eine wichtige Rolle könne Russland spielen, da Machthaber Baschar al-Assad von der Unterstützung des Kreml abhängig sei. (dtj/dpa)