Zum ersten Mal hörte ich von Angela Merkel, als der damalige Kanzler Gerhard Schröder vorzeitig abdanken musste. Ich war sauer. Die Wahl fand im September 2005, zwei Monate vor meiner Volljährigkeit, statt und ich fühlte mich um mein erstes Mal Wählen betrogen. Ein Radio-Journalist fragte mich in einer Fußgängerzone, wer wohl gewinnen würde. Ich sagte: „Merkel“ und aus reinem Protest fügte ich hinzu: „Aber nur, weil sie eine Frau ist.“

Die erste Kanzlerin 

Meine trotzige Theorie war darauf gestützt, dass sich die Medien schon Wochen vor der Wahl über das fortschrittliche Land freuten, in dem vielleicht eine Frau Kanzlerin werde. Ihre Weiblichkeit wurde häufiger diskutiert als mögliche Qualitäten in der Politik. In Wahrheit hatte ich allerdings wenig Ahnung, was einen guten Kopf Deutschlands ausmacht.

Fast zehn Jahre kenne ich Frau Merkel nun schon und mit der Zeit kam ich mit ihr zurecht. Zum erste Mal dachte ich äußerst positiv über sie, nachdem sie nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima ihre Meinung zur Energiepolitik radikal geändert hatte und den Atomausstieg Deutschlands einleitete. Ihr wurde vorgeworfen, zu sprunghaft zu sein, doch ich fand es stark von ihr. Es ist eine wichtige Eigenschaft, seine Meinung ändern zu können, vor allem für eine Kanzlerin.

Haare wie ein Wischmopp 

Während ich mich ihr anfreundete, bekam ich aus den Medien wiederum viel über ihr Äußeres mit. Ihr Kleidungsstil passe nicht, ihre Haare seien wie ein Wischmopp, ihre Handstellung sei grotesk und sie selbst viel zu dick. Aus diesem Gemeckere schloss ich, dass sie anscheinend in der Politik selbst nichts verheerend falsch machte, sonst gäbe es wohl Schlimmeres zu kritisieren.

Gegenüber Einwanderern – so schien es mir – hatte sie allerdings einige Berührungsängste.  Ich las öfters Zitate von ihr, die in die Richtung gingen, dass Einwanderer sich zu wenig integrieren wollen würden. Letztes Jahr sandte sie keine Glückwünsche an die Muslime zum Opferfest und sie war auch gegen den Beitritt der Türkei zur EU. Sie kam mir nie rassistisch vor, sondern einfach nur nicht besonders bemüht.

Alles Gute zum 60. Geburtstag!

Als erste Frau im Kanzleramt ist sie nun seit fast zehn Jahren die wichtigste Person in der Politik Deutschlands. In dieser Zeit ist viel passiert. Sie nahm ab, bekam einen Stilberater, eine schickere Frisur und nach den NSA-Skandalen auch ein abhörsicheres Smartphone. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich immer noch nicht genau weiß, was einen guten Kopf eines Landes ausmacht. Allerdings glaube ich, dass das niemand richtig weiß – vor allem nicht die Medien oder Stilberater Deutschlands.

In diesem Sinne: Alles Gute zum 60. Geburtstag, Frau Merkel! Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche dritte Amtszeit und dass sie den Jojo-Effekt nicht erleben müssen. Kommen Sie doch mal beim Opferfest dieses Jahres vorbei, Sie sind herzlich eingeladen!