Antisemitismus wird geächtet, Islamophobie nicht

Die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion, die am vergangenen Wochenende in Istanbul stattfand, stimmten am Ende darin überein, dass Islamophobie eine neue Form des Rassismus darstellt und man mit ihr auf die gleiche Weise verfahren sollte wie mit dem Antisemitismus. Die Bezeichnung „-phobie“ würde jedoch nicht dem wahren Charakter der Art und Weise gerecht werden, in der Muslime in Teilen des Westens wahrgenommen und dargestellt würden.

Die Teilnehmer des Podiums unter dem Titel „Islamophobie aus dem Blickwinkel junger Journalisten” machten deutlich, dass eher Hass als Angst die Haltung kennzeichneten, die weite Teile der westlichen Medienberichterstattung über den Islam präge.

Die zweitägige Veranstaltung wurde vom türkischen Ministerium für Jugend und Sport organisiert und durch die Maltepe-Universität ausgerichtet. Der türkische Journalistenverband ermöglichte einer größeren Gruppe junger Journalisten und Journalistenschüler die Teilnahme.

Jugend- und Sportminister Suat Kılıç umschrieb die Aufgabe der Veranstaltung mit der Erforschung von Islamophobie, die nicht nur ein Problem der muslimischen Community, sondern ein globales darstellen würde. „Solange Islamophobie nicht als globale Angelegenheit betrachtet wird, wird es kein Ergebnis geben. Indem wir türkische und ausländische Journalisten zusammenbringen, versuchen wir zu zeigen, dass es ein globales Problem ist“, so Kılıç.

Die Veranstaltung sollte aber nicht nur dazu dienen, Negativpropaganda gegen den Islam anzuprangern, sondern auch einen Beitrag leisten zum UN-Projekt der „Allianz der Zivilisationen” (UNAOC).

Islamfeindlichkeit reicht weiter zurück als zum 11. September 2001

Minister Kılıç kündigte an, sein Ministerium würde im kommenden Sommer eine Schiffsreise organisieren, an der 800 Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Ethnien teilnehmen würden. Diese Rundreise unter dem Motto „Wir sitzen alle in einem Boot“ wird von Zwischenstopps in mehreren Ländern des Mittelmeerraumes begleitet werden und ein deutliches Signal gegen Islamfeindlichkeit setzen.

„Islam ist Gerechtigkeit, Recht und Toleranz. Wie könnte der Islam Gewalt oder Terrorismus predigen, wenn er ein Glaubenssystem darstellt, das selbst zur Verteidigung der Rechte von Ameisen ermuntert?“, fragte Kılıç.

Auch der stellvertretende Staatssekretär im Amt des Premierministers, Dr. Ibrahim Kalın (Foto), der für seine akademischen Studien der Geschichte des Islam bekannt ist, legte dar, dass Islamophobie, obwohl der Begriff eher neueren Datums ist und erst 1997 erstmals Großbritannien erreicht hätte, als Phänomen selbst bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. „Wir müssen die Islamophobie als Form des Rassismus begreifen“, so Kalın, „sie ist eine neuere Form desselben.“

Allerdings täten Europäer sich schwer damit, das zuzugeben, gab Kalın mit Blick auf eine Warnung des Präsidenten der Internationalen Krisen-Gruppe (ICC) vor Rassismus aus jüngster Zeit.

Nach Auffassung Kalıns sollte Islamophobie als Verbrechen gegen die Menschlichkeit geächtet werden, so wie dies im Regelfall mit Blick auf Antisemitismus geschehe. Er wies auf Anstrengungen der Regierung in Ankara hin, im Rahmen von Projekten auf eine solche Einstufung hinzuwirken. Im September letzten Jahres machte Ministerpräsident Erdoğan aus Anlass des Hassvideos „Die Unschuld der Muslime“ deutlich, dass die Türkei Antisemitismus als Verbrechen verfolge, während kein einziger westlicher Staat Gesetze gegen Islamophobie hätte. Die türkische Regierung wolle mit einer Gesetzgebung gegen blasphemische und zum Hass aufstachelnde Äußerungen dem Rest der Welt ein Beispiel geben, hatte Erdoğan damals angekündigt.

Zerrbild ersetzt Wirklichkeit

Durch die Geschichte hindurch habe man den Islam als Kultur und Zivilisation im Westen als Bedrohung dargestellt. Noch heute verbreiteten Hollywood-Filme Stereotype, die Muslime mit sexuellen Bezügen oder mit Gewalt in Verbindung bringen würden. Die Darstellungen würden suggerieren, Menschen würden eher aus Begierde denn aus Verstandeserwägungen heraus dem Islam angehören.

Kalın betonte, wir würden in einem Zeitalter leben, in dem nicht zuletzt auch auf Grund der sekundenschnellen weltweiten Kommunikation bestimmte Zerrbilder des Islam kultiviert würden und diese hätten unbewusst die wahren Fakten ersetzt. „Wir erleben eine Vorstellung vom Islam, die die Realität ersetzt hat.“

Auf einer parallel stattfindenden Podium wies Dr. Bülent Keneş, Chefredakteur von „Today’s Zaman“, darauf hin, dass Islamophobie weiter zurückreicht als zum 11. September 2001. Er forderte, dass islamophobe Attacken als Verbrechen geahndet werden sollten. Aufgrund der defensiven Position, in die sich Muslime als Resultat der negativen Rhetorik in westlichen Medien hätten drängen lassen müssen, habe während der letzten beiden Jahrzehnte der Islamhass zugenommen, so Keneş. Der Hass in westlichen Medien sei eine „bewusste Entscheidung“, so Keneş. Vor allem englischsprachige Medien müssten ihre Verantwortung wahrnehmen, da sie einem globalen Publikum zugänglich sind.

Mehdi Hasan von der „Huffington Post UK“ gab unter Verweis auf Schlagzeilenbeispiele zu bedenken, dass britische Medien heute in institutionalisierter Weise islamophob seien. Jerome Taylor, der Redakteur des „Independent“ für Religion, versuchte, diese Darstellung dahingehend abzuschwächen, dass britische Medien nur „vorwiegend“ islamfeindlich wären.

Fatima Manji von Channel 4 News unterschied zwei Formen der Islamophobie in westlichen Medien. Die eine wäre eine offen rassistische Form, die andere eine „orientalistische“, die den Islam als ein „unzivilisiertes“ und „rückständiges“ Anderes auffasse und auf paternalistische Weise versuche, eine Form des Islam zu kreieren, die in einer liberalen Gesellschaft als „akzeptabel“ erscheint.

Teils Denkfaulheit, teils böse Absicht

Auch Dr. Ömer Taşpınar von der Brookings Institution sieht zwei Problembereiche bei der Darstellung des Islam in westlichen Medien. Der eine resultiere aus Denkfaulheit und Bequemlichkeit im Journalismus, die nur die eingehende Recherche scheue. Der andere sei hingegen auf böse Absicht zurückzuführen.

In den Medien werde primär nur wahrgenommen, was dem Stereotyp dienlich wäre. Sie würden die Polarisierung vorantreiben, aber ineffektiv arbeiten, wenn es darum geht, moderate Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Auf diese Weise würde sich Huntingtons Theorie vom „Kampf der Kulturen“ als selbsterfüllende Prophezeiung erweisen. Man sollte, so Taşpınar, immer dann skeptisch sein, wenn eine Aussage mit „Der Islam ist…“ beginne, um ein vorgefasstes Statement zu vermeiden und stattdessen die unterschiedlichen Facetten und Interpretationen des Islam verdeutlichen zu können.

Auch die Journalistin Hilal Kaplan unterstrich die große Rolle, die Medien spielen, wenn es darum gehe, bei Menschen Angst vor dem Islam zu erzeugen. „Die Medien bemühen sich, Hass gegen den Islam zu schüren.“ 98% der Nachrichten, die sich mit dem Thema zwischen 2000 und 2008 befasst hätten, hätten Muslime als „militant“, „extremistisch“, „radikal“ oder „terroristisch“ dargestellt. Dies würde, so Kaplan, erklären, wie sich Islamophobie unter so vielen Menschen ausbreiten könne, die in ihrem Leben noch nie einen Muslim kennen gelernt hätten und nur auf das angewiesen sind, was sie an Informationen aus dritter Hand bekämen.