Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l.) und seine Frau Elke Büdenbender werden von Atila Karabörklü, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, und Robert Fuchs (r.), Geschäftsführer vom Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD), beim Festakt zum 60-jährigen Jubiläum des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei im Haus der Kulturen der Welt durch die DOMiD-Ausstellung "Viel erlebt, viel geschafft . viel zu tun! - Geschichten aus der Migrationsgesellschaft" geführt. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Das Dokument, das die deutsche Gesellschaft und das Leben vieler Menschen aus der Türkei veränderte, umfasst nur zwei Seiten. Ein Blick ins Jahr 1961 weckt schöne und traurige Erinnerungen – an Strapazen, Kinder, die zurückblieben und an Freundschaft in der neuen Heimat.

Die Leistungen und Erfahrungen der sogenannten Gastarbeitergeneration sollen nach Ansicht von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Zukunft stärker gewürdigt werden.

Diese von Optimismus, Mut und Durchhaltewillen geprägten Geschichten sollten „einen angemessenen Raum in unseren Schulbüchern und in unserer Erinnerungskultur“ erhalten, sagte er am Dienstag in Berlin bei einem Festakt zum 60. Jahrestag der Vereinbarung, mit der einst die Arbeitsmigration aus der Türkei nach Deutschland organisiert worden war.

Steinmeier fordert Anerkennung, Respekt und Neugier

„Nehmen Sie sich den Platz, der Ihnen zusteht“, forderte der Bundespräsident die Besucher der Festveranstaltung auf. Die deutsche Gesellschaft sei viel zu spät bereit gewesen, ihre Sicht auf die ursprünglich nur als Zuwanderer-auf-Zeit angesehenen Menschen zu ändern, von denen viele dann doch dauerhaft blieben, sagte Steinmeier.

„Vieles ist dadurch liegengeblieben, und ich glaube, durch das Liegenbleiben sind viele Probleme überhaupt erst entstanden“, sagte Steinmeier. Denn Anerkennung, der Respekt voreinander und Neugier auf eine andere Kultur auf beiden Seiten seien nötig, um Vorbehalte oder gar Ängste zu überwinden.

Arbeitskräfte sollten nur zwei Jahre bleiben

Er fügte hinzu: „Die Bereitschaft, engstirnigen Nationalismus und kulturellen Hochmut hinter sich zu lassen, auf andere zuzugehen, sich aufeinander einzulassen, voneinander zu lernen, das ist die beste Voraussetzung für ein friedliches Miteinander und für eine bessere Zukunft.“

Am 30. Oktober 1961 hatte Deutschland mit der Türkei ein Abkommen zur Anwerbung von Arbeitern abgeschlossen, so wie zuvor bereits mit Italien, Griechenland und Spanien. Ursprünglich sollte keiner der aus der Türkei angeworbenen Arbeiter länger als zwei Jahre bleiben.

Familien-Nachzug erst später möglich

Deshalb gab es anfangs auch keine Möglichkeit, die Familie mitzubringen. Die Arbeitsmigranten, die man damals „Gastarbeiter“ nannte, schliefen oft in Mehrbettzimmern, viele schickten einen Großteil ihres Lohns zur Familie in der Türkei.

Auf Druck der Wirtschaft, die ihre bereits angelernten Kräfte nicht alle zwei Jahre durch Neuankömmlinge ersetzen wollten, wurde das Rotationsprinzip später aufgegeben und der Familien-Nachzug gestattet.

Erinnerungen an Mölln und Solingen

Zu den Veranstaltern des Festaktes gehört auch die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD), die mit einer durch die Pandemie bedingten Verzögerung am Dienstag zugleich ihren 25-jährigen Geburtstag feierte. Der Dachverband war 1995 gegründet worden – auch als Reaktion auf rassistische Ausschreitungen und Anschläge wie in Mölln und Solingen.

TGD-Funktionäre der ersten Jahre erinnerten an das Engagement des Verbandes für die doppelte Staatsbürgerschaft. Ein weiterer Schwerpunkt der Mitgliedsvereine sind bis heute Maßnahmen zur Verbesserung von Bildungschancen der Kinder und Enkel von Einwanderern aus der Türkei.

Uğur Şahin als Musterbeispiel

Einen Seitenhieb kann sich der TGD-Vorsitzende Gökay Sofuoğlu beim Festakt nicht verkneifen. „Wir danken explizit den Nachbarn von Uğur Şahin“, sagte er. Der Biontech-Chef Şahin ist Sohn von „Gastarbeitern“. Er hatte in der Grundschule zunächst keine Empfehlung für das Gymnasium erhalten. Erst nach einer Intervention eines deutschen Nachbarn konnte er die angestrebte Schule besuchen. Er schloss als Jahrgangsbester ab.

Darüber, wie die Menschen, die damals aus der Türkei gekommen sind, und ihre Nachkommen Deutschland verändert haben, ist viel geschrieben worden. Über überforderte Grundschullehrerinnen, die nicht wussten, wie Sprachförderung funktioniert, aber plötzlich viele Kinder in ihren Klassen hatten, die nur Türkisch sprachen.

Leerstehende Häuser in der Türkei

Und darüber, wie es ist, wenn Herr Yıldırım nicht zum Bewerbungsgespräch oder zur Wohnungsbesichtigung eingeladen wird, und sich fragt, ob er als Herr Schmitz womöglich bessere Chancen gehabt hätte.

Doch auch in vielen Dörfern, aus denen die „Gastarbeiter“ auswanderten, sind die Folgen der Veränderung, die das Anwerbeabkommen damals ausgelöst hat, bis heute sichtbar. In Stein und Beton lässt sich der materielle Aufstieg der Auswanderer dort besichtigen – auch wenn die Erbauer dieser Häuser oft einen Großteil ihrer Zeit bei Kindern und Enkeln in Deutschland verbringen.

Resopalfenster aus Deutschland

Der langjährige Türkei-Korrespondent Frank Nordhausen schreibt in seinem demnächst erscheinenden Buch „111 Gründe, die Türkei zu lieben“:

„Dörfer voller hübsch renovierter, sauber verputzter und stets frisch gestrichener Häuser mit Resopalfenstern aus Deutschland, Sonnenkollektoren und Satellitenschüsseln auf dem Dach. Diese Ortschaften gleichen Puppenstuben. Sie werden nur noch im Sommer zum Leben erweckt, im Winter halten ein paar Alte Wache, um Plünderungen zu verhindern. Doch die Kinder und Enkel kommen immer seltener in die Türkei, und wollen, wenn sie anreisen, lieber Strandurlaub an der Ägäis machen.“

dpa/dtj