Fernsehdrama will auch zur Terror-Debatte beitragen

ARD-Zweiteiler „Brüder“ beleuchtet den Weg einer Radikalisierung

Der ARD-Spielfilm „Brüder“ befasst sich mit der Frage, wie junge Europäer sich radikalisieren. Der Zweiteiler entwickelt sich von einer lehrbuchartigen Nacherzählung zum überzeugenden Drama.

Hymnische Musik erklingt, Jan steht auf dem Dach seines Wohnhauses. Er betet. Dann weicht das sanfte Morgenlicht grellem Disco-Flackern, und Jan ist zu sehen, wie er tanzt, Pillen einwirft, mit einer Frau verschwindet. Die ersten Bilder des zweiteiligen Spielfilms „Brüder“ zeigen Jans altes und sein neues Leben: das alte als Informatik-Student, den kaum etwas wirklich berührt – und das neue als Muslim, der sich der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) anschließen wird. Die ARD zeigt den ersten Teil am Mittwoch, 22. November, ab 20.15 Uhr.

Müssen es denn immer die Extreme sein, fragt sich vielleicht mancher Zuschauer: als gäbe es nur „westlich“-oberflächliche Jugendliche und nur irre Gläubige. Doch es lohnt sich, diesem Film eine Chance zu geben. Insbesondere der zweite Teil (29. November) ist ein starkes Stück Fernsehen, das nachdenklich stimmt. Das ist durchaus beabsichtigt, erklärt Regisseur und Co-Autor Züli Aladag: Er sehe „Brüder“ auch als Beitrag zu einer Debatte darüber, „wie wir als moderne demokratische Gesellschaft auf Radikalisierung reagieren können“.

Die Radikalisierung von Jan (Edin Hasanovic) verläuft wie im -Handbuch. Mit seinem syrischen Mitbewohner Tariq (Erol Afsin) verfolgt er den Kriegsverlauf in Aleppo. Während er auf die eigenen Eltern eher genervt reagiert, nimmt er zunehmend Anteil am Schicksal von Tariqs Familie, die in der umkämpften Stadt eingeschlossen ist. Dem Salafisten-Prediger Abadin Hasanovic (Tamer Yigit) begegnet Jan zunächst distanziert. Als jedoch Tariqs Schwester Samia (Zainab Alsawah) nach ihrer Flucht nach Deutschland versucht, sich das Leben zu nehmen, ist Jan geschockt – und sucht die des Predigers auf.

Jans Gemütslage angesichts realer Ungerechtigkeiten und gefühlter Langeweile sind für den Extremisten eine dankbare Mischung. Hasanovic erklärt seinen Zuhörern, der Westen werde die ohnehin niemals akzeptieren. „Gehört der Holocaust nur den ?“, fragt er Jan entrüstet, um ihm kurz darauf zu schmeicheln: „Ich war genauso wie du, damals.“ Die Worte wirken. Wenig später bearbeitet Jan, der nach eigenen Worten zuvor nie einen hatte, Propaganda-Videos für die Salafisten. Streit mit Tariq, den er nun nicht mehr als „echten“ Muslim akzeptiert, ist ebenso programmiert wie mit seiner Mutter, die ihrerseits weniger hysterisch reagieren könnte.

Der erste Teil endet mit einer Moschee-Razzia und Jans Ausreise nach Syrien. In der Fortsetzung wird aus dem streckenweise etwas holzschnittartigen Plot ein eindrucksvolles Drama. Gute zwei Drittel des zweiten Teils spielen in Syrien. Drehbuchautorin Kristin Derfler hat für den Film mit Islamwissenschaftlern und Radikalisierungsexperten gesprochen, und so erscheinen die Szenen aus dem Alltag im selbsternannten Kalifat beklemmend realistisch.

Gleich zu Beginn offenbart sich Jans Naivität. Er wolle des Kalifat als Programmierer unterstützen, antwortet er auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, ein Selbstmordattentat zu verüben. Seine Haltung wird sich allerdings ändern. Er wird zunächst Zeuge von drastischer Gewalt und später selbst zum Täter. Die langen, ruhigen Einstellungen mit knappen Dialogen, in denen diese Wandlung erzählt wird, sind im deutschen Fernsehen eher ungewöhnlich, aber umso eindrucksvoller.

Alle Schauspieler haben sich mit Islam- und Sprachunterricht auf ihre Rollen vorbereitet. Regisseur Aladag betont, ihm sei die präzise Darstellung wichtig gewesen – sowohl des islamischen Glaubens als auch der Interpretation durch Extremisten.

Autorin Derfler möchte mit der Hauptfigur Jan zudem gewisse Klischees durchbrechen, etwa das des „‚Ghettokids‘, das man normalerweise mit deutschen IS-Kämpfern assoziiert“. Vielen „biodeutschen Konvertiten“ fehle „jegliche Grunderfahrung mit “, erklärt sie. „Man geht in die zu Weihnachten und manchmal noch zu Ostern, das war’s. Philosophische Fragen nach dem Sinn der Lebens werden kaum noch besprochen“. Das mache manche junge Menschen erst empfänglich für die Botschaften von Extremisten.

KNA/pko/lwi