Die türkische Flagge in Armenien kurz vor der Verbrennung.

Während Politiker und Diplomaten in aller Welt die am Mittwoch veröffentlichte Beileidsbotschaft des türkischen Premierministers Recep Tayyip Erdoğan in der Armenierfrage als Wende im Umgang Ankaras mit diesem Kapitel der Geschichte würdigten, blieb die Reaktion des armenischen Präsidenten Serj Sarksyan unterkühlt.

Sarksyan beschuldigte die Türkei, in ihrer Position der „völligen Leugnung“ der Ereignisse von vor 99 Jahren zu verharren, die Armenien als „Genozid“ betrachtet. Armenien, so Sarksyan, sehe die Türkei aber nicht als seinen Feind.

Sarksyan veröffentlichte seine Reaktion auf die Kondolenzadresse Erdoğans gegenüber den Angehörigen jener Armenier, die im Zuge der Deportation durch osmanische Soldaten getötet worden waren, am heutigen Donnerstag auf seiner Webseite.

Die armenische Regierung, Angehörige armenischer Lobbyverbände im Ausland und zahlreiche Regierungen westlicher Staaten werten das damalige Geschehen als geplanten Genozid. Die türkischen Regierungen bestreiten diese Darstellung bis heute. Eine Absicht auf vorsätzliche oder geplante Vernichtung der Armenier sei nach Auffassung Ankaras nicht nachweisbar und es seien eher Überfälle, Hunger und Seuchen gewesen, die zu der hohen Opferzahl beigetragen hätten.  

Die grundsätzlichen Differenzen zwischen Jerewan und Ankara in dieser Frage belasten weiterhin das Verhältnis zwischen beiden Ländern. Die Türkei schloss ihre Grenzen zu Armenien im Jahre 1993 nach dem gewaltsamen Vorgehen armenischer Separatisten gegen aserbaidschanische Bürger in der umkämpften Enklave Berg-Karabach. Seit 2010 gibt es vorsichtige Wiederannäherungsversuche. So besuchte im letzten Dezember Außenminister Ahmet Davutoğlu als erster hochrangiger Staatsgast seit fünf Jahren das Nachbarland.

Armenien fordert Ankara auf, zu „bereuen“

Der „Armenische Genozid“, so Sarksyan in seiner Adresse zum gestrigen Gedenktag, „lebt weiter, solange der Nachfolgestaat der osmanischen Türkei seine Politik der völligen Leugnung fortsetzt“. Man sei überzeugt davon, dass „die Leugnung eines Verbrechens die direkte Kontinuität eben dieses Verbrechens konstituiert“. Nur Anerkennung und Verurteilung könnten die Wiederholung solcher Verbrechen in der Zukunft verhindern, so Sarksyan, der die Türkei dazu aufforderte, zu „bereuen“. 

Sarksyan ging nicht auf die Beileidsbotschaft Erdoğans ein, der die Ereignisse von 1915 als „inhuman“ beschrieb und den Enkeln der Toten sein Beileid ausgesprochen hatte, und betonte, aus Sicht Armeniens liege es an der Türkei, das „historische Stigma“ zu beseitigen und „die Zukunft ihres Staates von dieser schweren Last zu befreien“.

Sarksyan würdigte in seinem Text all jene Türken, die zur damaligen Zeit ihr eigenes Leben und das ihrer Familien riskiert hätten, um ihren armenischen Nachbarn zu helfen, und betonte: „Wir sehen nicht die türkische Gesellschaft als unseren Feind.“

USA und EU hoffen auf weitere Schritte

Aus den USA und aus der EU kamen hingegen positive Reaktionen auf Erdoğans Erklärung. Die Sprecherin des U.S. State Departments, Jen Psaki, ließ verlauten: „Wir begrüßen die historische öffentliche Anerkennung des Leidens, das Armenier im Jahre 1915 widerfahren war.“ Man glaube, dies sei ein positives Signal dahingehend, dass es eine vollständige, ehrliche und gerechte Anerkennung der Fakten geben könne, was der Sache einer Aussöhnung zwischen Türken und Armeniern dienlich wäre.

Auch EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle begrüßte die Botschaft des türkischen Premierministers. „Wir begrüßen das Statement Premierminister Erdoğans zu den Armeniern, Versöhnung ist ein wichtiger Wert der EU. Wir hoffen, weitere Schritte in diesem Geiste folgen“, äußerte Füle auf Twitter.