Gedenktag der Massaker von Baku - cihan

Die Nacht des 19. Januar 1990 ist sowohl ein blutiges Kapitel in der Geschichte von Aserbaidschan, als auch eine Nacht des Ruhm und der Ehre im Kampf um die Unabhängigkeit des Landes.

Das Massaker dieser Nacht war eine grausame Strafexpedition des totalitären Sowjetregimes gegen das aserbaidschanische Volk. Wofür wurde das Volk von Aserbaidschan bestraft? Dafür, dass das aserbaidschanische Volk ein gewisses Stück Land – die Enklave Berg-Karabach – von der sowjetischen Regierung beanspruchte und somit der geplanten Übergabe an Armenien widersprechen wollte.

Das Volk wollte sich von der UdSSR trennen und einen unabhängigen Staat gründen. Es bevorzugte, auf dem Weg der modernen Zivilisation durch eigene Willenskraft auf eigenen Beinen zu stehen.

Wenn man all diesen Fakten noch die Tatsache, dass die Mehrheit des aserbaidschanischen Volkes muslimisch und türkisch ist, hinzufügt, tritt der eigentliche Grund ans Tageslicht, warum, das Volk Aserbaidschans durch das in seinen letzten Zügen liegende, kommunistische Sowjetregime auf eine grausame Weise bestraft wurde.

Nachdem Haydar Aliyev 1987 aus dem Politbüro der Staatspartei ausgeschlossen und gezwungen worden war, von der Position des ersten Stellvertreters des Ministerpräsidenten der UdSSR zurückzutreten, wurden Aserbaidschan und das aserbaidschanische Volk während der UdSSR-Ära vom Staat als Bürger zweiter Klasse behandelt – und diese Behandlung wurde mit der Zeit noch deutlicher und noch grausamer.

KPdSU wollte Aserbaidschanische SSR unter Sonderverwaltung stellen

Es ist sogar möglich zu sagen, dass diese Handlung sich bis hin zur Unterdrückung und offenen Bedrängung entwickelt hat. Entscheidende Beweise dafür, dass die Führung in Moskau Aserbaidschan geteilt sehen wollte, sind die Entscheidung vom März 1988, mit der das KPdSU-Zentralkomitee die aserbaidschanische Region Berg-Karabach mit einem Beschluss als Region der „Sozioökonomischen Entwicklung“ festgelegt hatte und auch die Entscheidung des Ministerrats der UdSSR vom 12. Januar 1989, welche die „Sonderverwaltung“ in der Karabach-Region vorsah.

Diese gesetzgeberischen und parteioffiziellen Dokumente und Nachweise bezeugen, dass die Sowjets selbst die Armenisch Sozialistische Sowjetrepublik mit der aserbaidschanischen Region Bergkarabach vereinigen wollten. Außerdem informieren sie über den „Ballwechsel“ zwischen der Sowjet-Führung und Armenien sowie über die Anwendung des Armenier-Faktors gegen Aserbaidschan mit dem Ziel, um Aserbaidschan zu bändigen.

Wenn man sich daran erinnert, dass, während Aserbaidschan nach strengen Richtlinien entwaffnet wurde, der KGB innerhalb von Armenien und Aserbaidschan regierungsloyale armenische Gruppen und Organisationen bewaffnete, gewinnt das Bild an Deutlichkeit. All diese Fakten sagen uns eines: Aserbaidschan durfte nicht alleine gelassen werden, es musste unter Kontrolle gehalten werden und dafür waren die Armenier und die „Armenier-Debatte“ die besten Vorwände.

Verfassungsbruch durch den Obersten Sowjet

In der Nacht des Massakers am 19. Januar 1990 unterschrieb der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets, Michail Gorbatschow (welcher später noch zum Präsidenten der Union werden sollte) gegen den Artikel 119 der Verfassung und gegen den Artikel 71 der Verfassung der aserbaidschanischen SSR ein Dekret, mittels dessen ab dem 20. Januar 1990 in der Hauptstadt Baku und anderen großen Städten Aserbaidschans den Ausnahmezustand erklärte. Das Interessante daran war jedoch, dass, bevor der Ausnahmezustand dem Volk bzw. der Öffentlichkeit angekündigt wurde, Spezialkräfte der sowjetischen Truppen auf den Straßen von Baku 82 Menschen erbarmungslos ermordet hatten. Die Stromversorgung des aserbaidschanischen Fernseh- und Rundfunkgebäudes wurde durch KGB-Gruppen bombardiert und somit wurde jegliche Information des Volkes über die Situation unterbunden – was in dieser Hinsicht eine sehr wichtige Tatsache ist.

Diese Situation, in der auch der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte von 1966 seitens der sowjetischen Regierung bewusst verletzt wurde, hat vieles zu sagen. In der Nacht des 19. Januars 1990 wurden 132 Menschen brutal ermordet sowie 612 Menschen verstümmelt und schwer verletzt. 841 Menschen (davon wurden 112 in unterschiedliche Gefängnisse der UdSSR gebracht) wurden durch das totalitäre Regime inhaftiert. Am Morgen des 20. Januars waren die sowjetischen Spezialkräfte nicht mehr in Baku anwesend – denn sie hatten ihre Mission erledigt und Aserbaidschan verlassen. In den Straßen Aserbaidschans befanden sich stattdessen neu im Land stationierte, hauptsächlich 19- bis 20-jährige, vor allem aus Zentralasien, türkischen und muslimischen Ländern stammende, gewöhnliche Sowjetsoldaten.

An diesem Tag waren vor allem Michail Gorbatschow, die Beamten der sowjetischen Zentralregierung und deren Bedienstete in Aserbaidschan äußerst erfreut, da sie davon ausgingen, den – sich ihrer Meinung nach gegen das Regime erhebenden – Massen eine Lektion erteilt zu haben. Allerdings waren sie sich nicht dessen bewusst, dass im Geiste des aserbaidschanischen Volkes der Same der Unabhängigkeit schon längst keimte. Sie waren nicht in der Lage, zu begreifen, wie die Stimmungslage war kurz nach den Morden, als Haydar Aliyev, der unter massiven Druck gesetzt worden war, am Ende trotzdem das eigene Leben riskierte, um eine Pressekonferenz in Moskau zu organisieren und dort das totalitäre Regime zu kritisieren.

Angehender Friedensnobelpreisträger durfte nicht ins Zwielicht geraten

Zweifellos waren die Ereignisse der Nacht des 19. Januars ein Genozid, welcher auf Befehl der sowjetischen Regierung verübt wurde. Um das herauszufinden, muss man kein Forscher sein. Doch die Tatsache, dass dieser Massaker im Jahre 1990 stattgefunden hat, wirft einige Fragen auf: Wo war die so genannte „moderne Welt“ zu jenem Zeitpunkt? Wie konnte man davor bloß die Augen verschließen? Dass die sowjetische Zentralregierung alle Kommunikationsmittel unter ihrer Kontrolle hatte; die Welt außerhalb der UdSSR über die Politik Moskaus entsprechend auf „angemessene“, gefärbte Weise benachrichtigt wurde; die ermordeten Menschen Muslime und Türken waren und die „moderne Welt“ alleine schon deshalb mit dem Massaker nichts zu tun haben wollte, gehören nur zu den wenigen dieser Faktoren.

Unter solchen Umständen ist es dann auch ziemlich „normal“, dass dem Schlächter Michail Gorbatschow noch im selben Jahr der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Denn in den Augen der „modernen Welt“ war er ein „Humanist“, „Mann des Friedens“ und „Held“. Er erfüllte dem Westen im Wesentlichen alle Wünsche, aber innerhalb der Sowjetunion klebte Blut an seinen Händen. Dort reichte seine „Menschlichkeit“ nur zu einem Bedauern und einer Entschuldigung für seine Schlächtereien in Tiflis im Jahre 1989 und in Vilnius im Jahre 1991. Die Opfer der anderen Massaker, die er begangen hat, waren für ihn und den Westen wohl eher zweitrangig, da sie Muslime waren.

Aliyev ließ nicht locker

Zu den gravierenden Faktoren des 19. Januars gehört ohne Zweifel auch die Erlassung des Angriffsbefehls auf Aserbaidschan. Das Schweigen der „modernen Welt“ gegenüber den damit verbundenen Gräueltaten; die Besetzung des aserbaidschanischen Gebiets durch Armenien unter Verstoß gegen die internationalen Normen des Völkerrechts – ermutigt durch das Sowjetregime – sowie der Völkermord in Chodschali und andere unmenschliche Ereignisse, bei denen insgesamt zehntausende Bürger ermordet wurden; das alles spielte natürlich eine sehr große Rolle für die spätere Entwicklung.

Bezüglich des Massakers in der Nacht des 19. Januars 1990 konnte im Februar 1994 als Reaktion auf die persistenten und entschlossenen Initiativen Haydar Aliyevs ein Beschluss mit dem Inhalt einer rechtlich bindenden Verurteilung erreicht werden. Doch leider bestehen sonst keine weiteren Rechtsakte, in welchen das Massaker rechtlich verurteilt worden wäre.

Das, was diejenigen, die für dieses grausame Massaker verantwortlich sind, gemacht haben, gereichte ihnen sogar noch zum Vorteil. Denn im Rahmen der eingeleiteten Untersuchung hinsichtlich des Verbrechens wurden 68 von 100 aufgetauchten Protokollen nach Moskau gebracht und werden dort immer noch unter dem Siegel der Verschwiegenheit verwahrt…

Autoreninfo: Faig Bağırov ist Botschafter der Republik Aserbaidschan in der Türkei. Der obige Artikel erschien am 20. Januar in „Zaman”.