Lieber Herr Cem Özdemir,

die öffentliche Debatte, die Debatte über Religion sowie die Debatte über Integration wird nicht ehrlich geführt. Sie ist begleitet von schrecklichen Terrorangriffen!

Es muss fortan ein Terroranschlag passieren, um die Debatte ins Rollen zu bringen. Wir wissen aber, dass solche Debatten sehr hastig und ungeduldig geführt werden und sehr kurzlebig sind.

Denn, dass die Integration des Islams bzw. der Muslime in die Gesellschaft erfolgen muss und langfristige Konzepte bedacht werden müssen, ist Konsens!!! Gleichwohl sind die Nachwirkungen eines Terroranschlags vorüber, so ist auch die Diskussion verschollen. An der Stelle stellt sich mir die Frage, ist die Präsenz der Muslime in Europa gekoppelt an den Terror? Überhaupt Ihre Forderung, die Muslime haben sich stärker vom Terror zu distanzieren, erlebe ich als einen Affront! Warum soll ich mich von etwas distanzieren, dass nicht im Geringsten mit mir zu tun hat? Überhaupt, was ist eigentlich bei einer nicht-Distanzierung? Gelte ich dann als Freund der Terroristen? Die Islamdebatte ist nicht ehrlich! Denn, wenn die Muslime zu uns gehören, dann müssen sie auch so behandelt werden!

Ihre Forderung in der FAZ, „Ankara muss die Muslime in Deutschland freigeben“, ist milde ausgedrückt, absurd. Von welchen Muslimen sprechen Sie? Sind es etwa Muslime, welche seit Generationen hier leben und immer noch als nicht zugehörig behandelt werden? Sind es etwa Muslime, welche seit Generationen hier leben und immer noch mit Debatten konfrontiert werden, ob ihre Religion dazugehört oder nicht? Sind es etwa Muslime, die Sarrazin ertragen müssen?

Sie haben jüngst die muslimischen Jugendliche angesprochen, welche von Terroristen mit dem Gefühl der Ausgegrenztheit angesprochen werden, mir stellt sich die Frage, weshalb es offene und entwickelte Gesellschaften ihre Attraktivität so leicht ausgespielt haben. Wieso schafft es eine Terrororganisation, Jugendlichen in der Identitätskrise mit einem Sprengstoffgürtel beizustehen, und unsere aufgeklärte postmoderne Gesellschaft nicht? Oder besser gesagt – wie kann es sein, dass diese Jugendliche überhaupt in diese Identitätskrise geraten? Und das als Kinder einer Gesellschaft, in der doch eigentlich Toleranz und Individualität höchste Priorität genießen!

Lieber Herr Özdemir,

nicht nur Islamvertreter sind mit Fragen und Versäumnissen konfrontiert, sondern auch unsere Gesellschaften! Mit Verlaub, aber Ihre Worte klingen fast wie Drohungen!!! Sie werden mir zustimmen, wenn ich feststellen darf, dass man Menschen nicht unbedingt mit erhobenem Zeigefinger gewinnen kann. Integration erfolgt auch durch Emotionen. Aber die Menschen hier fühlen sich stigmatisiert. Ein echter Dialog ist das nicht. Denn Dialog wird auf Augenhöhe geführt.

Die Begegnung mit einer anderen Kultur muss zu einer beständigen Relativierung der eigenkulturellen Standards führen. Nun wird dieser Zustand nur von der einen Seite verlangt. Vielmehr das Bewusstsein für ethnisch-kulturelle Differenz wird gerade bei Muslimen dadurch gefördert, dass man sie besonders häufig auf ihre Herkunft fragt. Noch immer ist man hierzulande verwundert, wenn ein Muslim dem Verzehr von Schweinefleisch entsagt, nicht aber darüber, wenn er es doch verzehrt. Da fragt man sich, ob Integration mit „Gleichmacherei“ assoziiert wird.

Zugleich zeugt die ganze Debatte um den Islam weder von Fortschritt noch tatsächlich ernst zu nehmenden Ideen, im Gegenteil – sie zeugt von Hilfslosigkeit. Man bekommt das Gefühl, dass die Politik, Gesellschaft sowie alle Institutionen im Umgang mit Islam überfordert sind. Ich glaube dass auch die Muslime überfordert sind. Es ist fast die Überforderung mit Andersartigkeit des Islams, in seinem Umgang und kulturellen Eigenarten. Dies wird besonders an der „Kopftuchdebatte“ deutlich. Wir erleben nicht nur eine Krise der Religionen in der Postmoderne sondern auch eine Krise der modernen Gesellschaften mit Religionen. Die postmoderne Gesellschaft mit ihrem Kontrollwahn möchte auch das sakrale Feld der Religionen kontrollieren. Dabei begegnet man jeder Andersartigkeit mit dem Absolutheitsanspruch des Eigenen. Dabei wissen wir allzu gut, dass Demokratien Konsense bedürfen. Angekommen scheint man erst dann, wenn mit dem Hab und Gut und Hinterbliebenen auch die eigene Identität zurückgelassen und per Knopfdruck das hier vorherrschende Verständnis von „Normal“ angenommen wird.

Sie sprechen von einer Politisierung der Religion und agieren zugleich im Sinne einer Politisierung. Wenn Sie in Ihrem Bemühen, den Islam zu integrieren, Ernst meinen, dann lassen Sie bitte eine echte Debatte zu. Sorgen Sie bitte dafür, dass richtige Personen aus dem „europäischen Islam“, den es gibt, zu Wort kommen. Machen Sie diese Personen salonfähig, lassen Sie diese Personen zu Wort kommen.

Lieber Herr Özdemir,

auch ich bin für einen „europäischen Islam“ und kritisiere Muslime für den derzeitigen Zustand. Aber die europäischen Muslime bekommen wenig Beachtung, stattdessen müssen sie ertragen, dass ihre Symbole argwöhnisch beäugt werden und sie sich selbst für ihr Kopftuch rechtfertigen müssen! Auch Sie als Partei müssen sich an der Stelle den Vorwurf gefallen lassen, dass Ihre Partei Muslimen wenig Platz einräumt. Wenn über Islam diskutiert wird – auch in Ihrer Partei – dann kommen in der Debatte, wie so oft, nur die selbsternannten „Islamkritiker“ vor. Wollen Sie einen Dialog? Streben Sie eine Etablierung der Muslime in die Gesellschaft an? Dann fangen Sie bei Ihrer Partei an!

Die jahrzehntelangen Versäumnisse der nichtgeführten Islamdebatte in Deutschland lassen sich nicht an „Stammtischen“ klären. Die Beschäftigung mit dem Islam darf sich nicht auf Terror beschränken. Wir führen keinen echten Dialog mit dem Islam, jedenfalls wurde er bis heute nicht geführt. Denn auch bei der Einführung des Religionsunterrichtes werden Akteure als Partner genommen, welche institutionell mit dem Ausland verbunden sind. Gleichwohl muss die Frage erlaubt sein, wieso es der neuen Heimat nicht gelungen ist, diese Strukturen und Verbundenheit mit der alten Heimat zu durchbrechen. Hierbei mit Verboten bzw. Drohungen zu agieren, erzeugt noch mehr Isolierung und Abwendung. Vielmehr müsste die Politik echte Rahmenbedingungen sowie Möglichkeiten für die von Ihnen angestrebte Richtung schaffen.

Lieber Herr Özdemir, die Menschenrechte sind universell. Sie sind weder in Europa geboren noch im Orient. Sie sind weder christlich noch islamisch, weder westlich noch östlich. Sie sind Werte der ganzen Menschheit. Auch Europa darf gelegentlich über sich selbst nachdenken und das eigene Verhalten reflektieren. Die Frage muss erlaubt sein, wie es sein kann, dass ein Land auf der einen Seite einem Blogger den Sacharow-Preis (EU-Menschenrechtspreis) verleihen und gleichzeitig das Land, welches die ausgezeichnete Person unterdrückt, mit Rüstungsexporten ausstatten kann.

Lieber Herr Özdemir, auch ich habe großes Interesse, dass uns eine echte Debatte gelingt. Aber Nachhaltigkeit sieht anders aus! Die Debatte darf nicht kurzfristigen, politischen Ambitionen geopfert werden!

Die Unkenntnis über die Integrationskraft der Religion, im Übrigen aller Religionen, darf nicht länger hingenommen werden. Dass die Religionen auf Menschen zugehen und integrativ sein können, haben die Religionen lange genug bewiesen. Nur leider hat die Politisierung der Religion zum Missbrauch dieser geführt. Selbstverständlich ist auch mir klar, dass der heutige Zustand der Muslime und der muslimischen Länder (undemokratische Strukturen usw.) nicht länger hingenommen werden kann. Gleichwohl muss auch der Westen bereit sein, für seine Fehler einzustehen und sein Verhalten zu ändern. Die von Ihnen angeprangerte Strukturen und Regime in islamischen Ländern sind in der Folge des Imperialismus und des Ersten Weltkrieges entstanden. Bis heute wurden leider Diktatoren und undemokratische Machenschaften geduldet und gefördert. Auch aktuell wird Russland zu einem Verbündeten erklärt, weil es der „Tagespolitik“ passt. Ich bitte Sie Herr Özdemir, so wie Sie die Muslime auf die Menschenrechte und unsere Werte aufmerksam machen, tun Sie bitte dies auch in Richtung Westen.

Ist Europa eine Idee? Ein demokratisches Ideal, gar eine Mission für Demokratie und Freiheit? Wenn diese Fragen bejaht werden, dann darf Europa keine Politik und Wirtschaftspolitik auf Kosten anderer machen. Dann gehören friedliche Religionen und alle freiheitlich-demokratisch denkende Menschen ihr an. Das Leben eines Parisers darf nicht höheren Wert haben als das Leben eines Syrers.

Ferner muss Europa seine veränderten gesellschaftlichen Realitäten bewusst wahrnehmen. Muslime haben schon immer in Europa gelebt. Dieses Faktum darf nicht mit Terror auf die politische Agenda rücken. Ich bitte sie aus der Integrationsdebatte keine Islamdebatte zu machen. Es sind insgesamt Migranten von gegenwärtigen gesellschaftlichen Verunsicherungen, Ambivalenzen und Desintegrationserfahrungen betroffen. Hierbei handelt es sich nicht nur um Muslime.

Sie und wir alle sollten dafür sorgen, dass der europäische Islam und der Diskurs darüber seinen richtigen Platz in unserem Europa findet!

Wer sich selbst und andere kennt,

wird auch hier erkennen:

Orient und Okzident sind

nicht mehr zu trennen.

Johann Wolfgang von Goethe

Es grüßt Sie herzlich,

Ihr Aliriza Aldudak