Aufruf zur Besinnung

Zahlreiche Medienberichterstattungen und Meinungsartikel, aber auch beispielsweise die jüngste Bundestagsrede am 12.6.13 von Claudia Roth legen ihren Fokus je nach Art ihrer ideologischen Voreingenommenheit. Es ist kein Ende der Proteste in der Türkei in Sicht. Denn solange die Augen einerseits gegenüber der polizeilichen Gewalt und dem hochmütigen Auftreten Erdoğans verschlossen werden, werden andererseits auch von anderen die Augen gegenüber gewalttätigen Demonstranten geschlossen – und das eben je nach Ideologie.

Genauso wie menschenrechtswidrig handelnde Polizeibeamte in der Türkei zu beobachten sind, so sind auch rein machtpolitisch interessierte, den „Naturschutz“ nur als Vorwand für extremistische Agitation betrachtende Protestierende unterwegs.

Es fehlt bei deutschen Politikerinnen und Politikern wie Cem Özdemir, Franziska Brantner oder Claudia Roth entgegen vielfach geäußerten Meinungen auf keinen Fall an der Kompetenz, Geschehnisse aus der kritischen Distanz heraus zu bewerten. Jedoch sehe ich, dass hochverehrte Politikerinnen und Politiker Deutschlands je nach Eigennutz ausgewählte Informationen zur eigenen Profilierung in den Vordergrund stellen und andere komplett ausblenden. Dies kann zur Falschwahrnehmung der Dinge im Gesamtkontext führen. Mit Gesamtkontext meine ich die jüngsten Proteste bis hin zur gesamten jüngeren Geschichte seit der türkischen Revolution in den 20ern des letzten Jahrhunderts.

Demokratisierung der Türkei erst durch Erdoğan

Ich wünsche mir die Sensibilität, die zur weiteren Demokratisierung der Türkei vorhanden ist, auch hinsichtlich der bisherigen demokratischen Fortschritte, die während Erdoğans Regierungszeit gemacht wurden.

Diese Ignoranz gegenüber dem seit Amtsantritts Erdoğans laufendem Demokratisierungsprozess, der noch nicht abgeschlossen war, erweckt aus meiner Sicht den Anschein, dass es hier nicht nur um die Demokratisierung an sich geht. Wem es wahrhaft um Demokratie geht, sind die vielen „echten“ Demonstranten, die ihr Anliegen verfechten und auf mehr Partizipationsmöglichkeiten warten, ohne Randale zu machen. Und das sind die, die die Zeit bis zur nächsten Wahl ordentlich ihre Wahlkampagnen machen werden und sich im Vorfeld Tag und Nacht für eine demokratische Türkei Tag und Nacht engagieren werden.

Ich hoffe zutiefst, dass bei der gebotenen schonungslosen Aufarbeitung der Geschehnisse in der Türkei und bei der Untersuchung aller Verantwortlichkeiten das Land präzise und ohne ideologische Machtinteressen unterstützt wird. Denn wenn es mal wirklich von Anfang einer Demonstration bis zu deren Ende um Aspekte wie Naturschutz oder jegliche sachliche politische Anliegen geht, sollen sowohl Partizipationsmöglichkeiten gewährleistet werden als auch jedwede Umsturz- bzw. Putschgefahren beseitigt sein.

Profilierungssucht endlich zurücknehmen!

Ich bitte um der Demokratie in der Türkei willen darum, nichts zu billigen, was auch nur im Entferntesten nach Putsch riecht. Denn das macht die Unterstützung des Demokratieprozesses in der Türkei nicht glaubwürdig.
Jegliches Unrecht und jegliche Gewalt, egal von welcher Seite, sollen ans Tageslicht treten – damit das Land Türkei weiterhin an der Umsetzung von demokratischen Grundwerten arbeiten kann: denn die Türkei war noch nie so demokratisch, wie sie es heute ist – was nicht heißt, dass nicht an der bisherigen Umsetzung nicht weiterhin gearbeitet werden sollte. Es muss vielmehr sehr wohl daran gearbeitet werden und dieser Weg dahin muss auch unterstützt werden – aber bitte nicht kontraproduktiv!
Wenn niemand sich dazu gezwungen fühlen würde, aus bloßer ideologischer Voreingenommenheit heraus etwas Bestimmtes vertreten zu müssen und deshalb die Sachen zur eigenen Profilierung drehen zu müssen, sondern stattdessen seine Energie wahrhaft nur in Belange der Menschlichkeit, der Freiheit und des Leben stecken würde, würde die Welt schon ganz anders aussehen. Ich hoffe, diese Welt noch erleben zu dürfen. Hand in Hand mit friedlich Gesinnten zusammen…