Aufstand der Verzweifelten

Der seit Monaten andauernde Hungerstreik im US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba weitet sich aus. Mittlerweile würden 102 der insgesamt 166 Häftlinge die Nahrung verweigern, berichtete die gewöhnlich gut informierte Zeitung „Miami Herald“. 100 Tage nach Beginn des Aufstandes erneuerten Menschenrechtsgruppen am Freitag ihre Rufe nach der Schließung der Anlage. Anwälte der Häftlinge meinten, die Verzweiflung ihrer Schützlinge werde immer größer. Nach elfeinhalb Jahren hinter Gittern, mehrheitlich ohne Anklage und oder Prozess, mache sich Hoffnungslosigkeit und Wut breit.

Gut 30 der Hungerstreikenden würden zwangsernährt, schrieb der „Miami Herald“ am Donnerstag unter Berufung auf Militärs. Drei seien im Krankenhaus, ihr Zustand sei aber nicht bedrohlich. Der TV-Sender CNN berichtete, die Männer würden an einen Stuhl gefesselt, damit ihnen ein Plastikschlauch in die Nase eingeführt werden könne. Der führe durch den Rachen in den Magen. Damit dies schmerzfrei sei, bekämen die Insassen ein Betäubungsgel verabreicht.
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Akt der Verzweiflung: Mit Besenstielen gegen die Supermacht USA

Der Konflikt in dem Lager eskalierte bereits im April: Gefangene gingen mit Besenstielen auf Wächter los, die mit Gummigeschossen antworteten. Auslöser der Proteste sollen Koran-Durchsuchungen in den Zellen gewesen sein. US-Präsident Barack Obama hatte erst kürzlich wieder sein Wahlversprechen von 2008 bekräftigt, das Lager zu schließen. „Guantánamo ist nicht notwendig, damit Amerika sicher bleibt. Es ist teuer. Es ist ineffizient.“ Es schade dem Ansehen der USA in der Welt. Nach Medienberichten kostet jeder Häftling dem Steuerzahler pro Jahr rund 900.000 Dollar (rund 700.000 Euro). Das sei das 36 Mal so viel wie in den meisten anderen US-Gefängnissen.

Obama hatte nach seinem Amtsantritt 2009 das Aus für Guantánamo binnen eines Jahres angekündigt, war aber am massiven Widerstand im Kongress gegen eine Verlegung der Gefangenen auf US-Boden gescheitert. 86 der 166 Häftlinge waren ursprünglich für den Transfer von der amerikanischen Marinebasis auf Kuba an einen anderen Ort in der Welt zugelassen worden. In einem Großteil der Fälle ist das aber aus unterschiedlichen Gründe gescheitert.

Präsident George W. Bush hatte das Lager nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 errichten lassen. Umstritten sind vor allem die Militärtribunale auf der Insel. Den USA wird vorgehalten, Aussagen zu verwenden, die Häftlinge unter Folter gemacht haben. Kritiker, darunter auch US-Militärangehörige, beklagen zudem den schlechten Zustand der Anlage. Da die Gebäude aus lauter Eile nur provisorisch errichtet worden seien, gebe es ständig erheblichen Renovierungsbedarf. (dpa/dtj)