Ein Abiturzeugnis.

Noor Yassin Kassab kam vor drei Jahren aus Latakia im damals schon vom Bürgerkrieg gezeichneten Syrien ins brandenburgische Schwedt an der Oder. Sie sprach zum damaligen Zeitpunkt kein Wort Deutsch, musste die 10. Klasse am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium wiederholen und litt stark am Heimweh.

„Ich war ziemlich schüchtern und hatte am Anfang Angst, Deutsch zu reden“, erzählte sie gegenüber RBB. „Ich konnte gar nichts verstehen, ich habe nichts mitbekommen.“ Ihre Freundinnen Inga und Fina hätten ihr immer alles erklären müssen, allerdings wäre sie auf diese Weise auch gezwungen gewesen, von Anfang an Deutsch zu sprechen.

Binnen eines Jahres gelang es Noor Yassin Kassab, die deutsche Sprache fließend zu sprechen. Englisch und Mathematik waren ohnehin schon immer ihre Leidenschaften.

Und heute, drei Jahre nach ihrer Auswanderung, hat die Medizinertochter aus Syrien ihr Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,0 absolviert und noch dazu den mit 1200 Euro dotierten Exzellenz-Preis der Schwedter PCK Raffinerie GmbH verliehen bekommen.

Freundinnen und gutes Schulklima erleichterten Weg zum Abitur

Die junge Spitzenabiturientin würdigte am Freitag aus Anlass der Überreichung ihres Preises gegenüber RBB den guten Einfluss ihrer ebenfalls stark leistungsorientierten Freundinnen und das Klima an ihrer Schule. „Viele Leute waren ziemlich nett. Das hat mich emotional unterstützt“, wird Noor vom öffentlich-rechtlichen brandenburgischen Sender zitiert. „Sie haben gelächelt und versucht, einfach Deutsch mit mir zu reden. Das hat alles geholfen.“

Für ihre Mitschüler war es eine Premiere, eine ausländische Schülerin zu haben, die dazu ein Kopftuch trägt. Vorbehalte habe es jedoch keine gegeben, im Gegenteil überwog das Interesse und der Alltag an der Schule war von Akzeptanz geprägt. Freundin Fina lernt ihrerseits mittlerweile Arabisch.

Noor möchte nun in die Fußstapfen ihrer Eltern treten und Ärztin werden. Ihre Freundin Inga will es ihr gleichtun, Fina zieht es eher zum Lehramt hin.

„Hagalil“ übt Kritik an Haltung zu Flüchtlingen

Für etwas Unmut hatte die ursprüngliche mediale Aufbereitung der Lebensgeschichte Noor Yassin Kassabs gesorgt, in der davon die Rede war, ihre Familie sei eine Flüchtlingsfamilie geworden. Von „Rassismus à la akademika“ schrieb gar die Publizistin Ramona Ambs auf dem Internetportal „Hagalil“ mit Blick auf Kommentare in sozialen Medien, die das Beispiel des Mädchens zum Vorwand nahmen, um anderen Flüchtlingen Faulheit und Untätigkeit zu unterstellen.

„Ein Mensch ist hier nur dann willkommen und gut, wenn er intelligent ist und Entsprechendes leistet“, schrieb Ramona Ambs. „Flüchtlinge, die traumatisiert sind, die keine Kraft mehr haben, sich hier einzubringen, die vielleicht sogar Probleme machen, die sind nicht willkommen.“

Noor Yassin Kassab hatte im Kommentarbereich zur ursprünglichen Meldung selbst darauf hingewiesen, dass ihre Familie nicht als Flüchtlingsfamilie gekommen sei.