Auschwitz ist der Ort, der das Vermögen der menschlichen Phantasie übersteigt, der fassungslos macht. Es ist weniger die zynische gusseiserne Überschrift über dem Eingangsportal – „Arbeit macht frei“ -, die in aller Regel in Verbindung mit diesem größten NS-Vernichtungslager optisch gezeigt wird, als das Grauen in den Innereien des ehemaligen Kasernenkomplexes: der Keller, in dem das tödliche Gas Zyklon B erstmals an sowjetischen Kriegsgefangenen ausprobiert wurde, die riesigen Vitrinen mit Bergen von Menschenhaar, die Gebirge mit Schuhen, darunter das Schuhwerk von Kleinkindern und – besonders erschütternd – die gewaltige Sammlung an Koffern, Taschen und Gepäckstücken.

Sie sind allesamt beschriftet, mit Namen und Adressen, in sauberster, korrekter Schrift, so wie es die Menschen in Deutschland gelernt hatten. Sie glaubten, Deutsche zu sein, waren in den Augen des Regimes jedoch Juden, Untermenschen. Und dann, einige Kilometer weiter, in Birkenau das Tor zur Hölle, das Eisenbahngleis, auf dem die Waggons mit den in ihnen eingepferchten Menschen ankamen. Einige Minuten später begannen die Selektionen, die einen nach links, die anderen nach rechts. Mütter und Kinder wurden direkt in die Gaskammern geleitet. Auch für so gut wie alle anderen, die nach Auschwitz kamen und bei Sklavenarbeit noch ein paar Monate vor sich hatten, war es ein Weg ohne Wiederkehr. Über eine Million Menschen sind auf grausame, industrielle Art und Weise in Auschwitz ermordet worden.

Zunehmende Historisierung und Bezugslosigkeit

Zum 70. Mal ist vor wenigen Tagen die Befreiung des Lagers durch Einheiten der Roten Armee feierlich begangen worden. Die Wahrnehmung und Berichterstattung in den Medien hat zugenommen, die Zahl der Überlebenden und Zeitzeugen von Auschwitz nimmt gleichzeitig ab. Trotz beschwörender Worte der Politiker ist unverkennbar, das erhebliche Teile der Bevölkerung die grauenhaften Ereignisse hinter sich lassen, den Holocaust allmählich „historisieren“ möchten. Die schwache Zuschauerresonanz auf die vielen TV-Sendungen von ARD und ZDF ist ein Indiz dafür. Spätestens an dieser Stelle ergibt sich die Frage, wie neue deutsche Staatsbürger auf den Satz von Bundespräsident Gauck reagieren, wonach es eine deutsche Identität ohne Auschwitz nicht gebe.

Eigene Beobachtungen zeigen, dass die Aneignung der Geschichte des neuen Heimatlandes ein langwieriger Prozess ist. Zunächst haben andere Dinge Priorität: das Finden von Arbeit, der Erwerb der deutschen Sprache, der Schulbesuch, die fachliche und berufliche Weiterqualifizierung. Darüber hinaus verändert die demografische Entwicklung in Deutschland die Debatten. Mit dem Zuzug von Menschen aus dem Nahen Osten werden beispielsweise die Diskussionen um Israel hitziger werden. Die besondere Verantwortung Deutschlands, die Bundeskanzlerin Merkel herausstreicht, wird, wenn nicht in Frage gestellt, so doch kontroverser diskutiert werden und damit auch das Thema „Holocaust“.

Osmanisches Erbe als Zukunftschance auch in Deutschland

Eine besondere Verantwortung kommt somit auf die Schulen, auf den Geschichtsunterricht zu. Fachlehrer, aber nicht nur sie, müssen sich auf die Frage einstellen: Was habe ich als Kind oder Enkel von Einwanderern mit dem Dritten Reich, mit der Vernichtung der deutschen und europäischen Juden zu tun? Neue Diskussionslinien zeichnen sich somit ab.

Dass sie in unerwartete Richtungen gehen können, dass es Überraschungen im Positiven geben kann, zeigte vor einiger Zeit der Auftritt eines großen Chores aus Antakia (Hatay) in Berlin. Seine Mitglieder repräsentierten ein breites Spektrum an Herkunft und Religionszugehörigkeit. Beim gemütlichen Teil des Abends begann ein anwesender jüdischer Oberrabbiner zu singen und er steigerte seine Freude mit einem Tanz, den die anwesenden Deutschtürken und Mitglieder des türkischen Chores an der Grenze zu Syrien begeistert beklatschten. Eine solche Szene unter Deutschen und Juden habe ich noch nicht erlebt. Sie zeigte zweierlei: die Vertrautheit von Türken und Juden aus der Zeit des Osmanischen Reiches, türkische Toleranz gegenüber dem Andersgläubigen und ein Sicherheitsgefühl von einstmals Schutzbefohlenen. Dieses Erbe, vor Jahrhunderten in Konstantinopel praktiziert, wo aus Westeuropa vertriebene Juden eine Heimat fanden, könnte sich schon bald als Zukunftschance für das Miteinander von Menschen und Kulturen in Deutschland herausstellen.