Koran

„Glaubensfragen“ heißt schlicht eine Ausstellung im Ulmer Museum – doch die Schau bietet weit mehr als eine Auseinandersetzung über unterschiedliche religiöse Vorstellungen. Die Schau will zeigen, dass in Europa seit Jahrhunderten Anhänger verschiedenster Glaubensausrichtungen miteinander lebten.

Festgemacht wird der Dialog zwischen Juden, Christen, Muslimen vor allem an der Phase Ende des 15. Jahrhunderts, als sich – noch vor der Reformation – das interreligiöse Gespräch und die Kontakte intensivierten. Arabische Gelehrte hatten über Jahrhunderte das Wissen der Antike bewahrt und weiterentwickelt, jüdische Übersetzer brachten es wieder in den europäischen, christlich geprägten Kulturraum. Medium des Austauschs, die Chatrooms von damals, waren vor allem Bücher.

Sie bilden deshalb einen großen Teil der Exponate, zu denen 80 Leihgaben von 24 Leihgebern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien, den Niederlanden, Polen, Italien, Israel und den USA gehören. Auch wenn damals so gut wie keine Muslime in Mitteleuropa lebten: Der Koran war bekannt. Gezeigt werden in Ulm auch Handschriften, Miniaturen, Gemälde, Skulpturen. Vieles davon wird erstmals in der Bundesrepublik präsentiert. Theologische Auseinandersetzungen wurden nicht nur literarisch, sondern auch bildlich geführt.

Von mittelalterlicher Religionsgeschichte bis Heavy Metal

Die Schau formuliert für sich einen großen Anspruch: Sie sieht sich als „die erste große Zusammenschau von mittelalterlicher und neuzeitlicher Religionsgeschichte“ Süddeutschlands. Ausschnitte aus Monty Pythons Film „Das Leben des Brian“, Lars von Triers Produktion „Antichrist“ oder der Filmkomödie „Sister Act“ wollen ebenso wie Musikvideos von Barbara Streisand und der Heavy-Metal-Band Orphaned Land einen Bogen über die Jahrhunderte spannen.

Die Ausstellung, die sich in verschiedene Themenräume gliedert, hat indes ein Problem. Das meiste ist nicht selbsterklärend. Wie genau funktionierte der Austausch trotz kultureller, religiöser, sozialer oder politischer Grenzen? Wo kam es zu Abgrenzungen, wo lagen Schnittstellen?

Erst der knapp 170-seitige Katalog erhellt Zusammenhänge und erzählt, dass es immer die Anderen gab, von denen sich die Mehrheit abgrenzen wollte. Schon vor 500 Jahren gab es unter Christen nicht nur Rechtgläubige, sondern zunehmend Rom-Kritiker. Alltags- und Luxusgüter wechselten zwischen Juden und Christen den Besitzer und man traf sich auch schon damals im Wirtshaus.

Die Beziehungsgeflechte waren vielfältig. So ideologisch, politisch und emotional aufgeladen der Begriff der multikulturellen Gesellschaft auch sein mag – es gab sie schon immer. So kann die Schau vielleicht Anregungen geben, heutigem dumpfen Stammtischdenken mit Argumenten zu begegnen. (kna/ dtj)