Die Debatte über die Bildverwendung des toten Aylan Kurdi an der türkischen Küste ist symptomatisch für unsere Debatten zum Thema Flüchtlinge. Sie gehen an der Sache vorbei. Medienethik und die Frage der Persönlichkeitsrechte sind wichtige Kategorien, aber während man über die Legitimität der Publikation des Fotos diskutiert, fehlt die Frage nach dem Zustandekommen des Fotos. Die Frage nach der Bildentstehung sollte aber nicht aus dem Blick geraten. Und die Fragen nach den Fluchtursachen auch nicht.

Wurde Aylan erst fotografiert und dann aus dem Wasser gehoben? Oder sah man den leblosen Körper an den Strand schwimmen? Ansonsten hätte es sich geboten, erst den Jungen aufzuheben und Erste-Hilfe-Maßnahmen zu ergreifen. Wenn man dann den Tod feststellte und ihn fürs Foto zurücklegte, wäre es ein gestelltes Bild. Ich hoffe jedenfalls sehr, man hat nicht zuerst auf den Fotografen gewartet, um dann den kleinen Aylan aufzuheben. Der Gedanke ist unerträglich. Tatsächlich gibt es aber an anderer Stelle auch Berichte darüber, dass Leid und Lebensgefahr eher gefilmt, als verhindert werden.

Zusammenhang zu den Kriegen im Nahen Osten nicht zu leugnen

Bei der Frage, wie Aylan und seine Familie ins Meer gerieten, greifen die Debatten zumeist zu kurz. Im Deutschlandfunk hieß es zu den Fluchtursachen am Freitagmorgen, dass das Assad-Regime dafür verantwortlich sei. Manchmal wird die Abschottungspolitik Europas kritisiert. Wenn man sich die Bemühungen einer Organisation wie Borderline Europe ansieht, die seit vielen Jahren auf die Toten an den EU-Außengrenzen aufmerksam zu machen versuchen, dann ist die Thematisierung dieser Zustände bereits ein Fortschritt.

Zumeist oder ganz außen vor bleibt die Zerstörung der Länder und Lebensgrundlagen der Menschen, die sich auf den Weg nach Europa machen. Zwar gibt es auch andere Gründe für Migration, aber ob der wachsenden Zahlen von Hilfesuchenden ist aktuell wohl der Zusammenhang zu den Kriegen im Nahen Osten und anderswo nicht zu leugnen.

Wer aber ist für diese Kriege verantwortlich? Milosevic? Osama bin Laden? Assad? Ghaddafi? Saddam Hussein? Das klingt plausibel, erklärt aber nicht die Verschonung des Scheichs von Katar, des saudischen Königshauses, al-Sisis in Ägypten und anderer „Diktatoren“, „Schlächter“ – oder wie man sie gerade nennen mag.

Missstände benennen reicht nicht – Medien schauen lieber nach Russland

Seit die NATO 1999 mit dem Krieg auf dem Balkan die neue Weltkriegsordnung einläutete, findet eine systematische Destabilisierung verschiedener Länder und ganzer Regionen statt. Das Kosovo ist bis heute besetzt, aber nicht befriedet. Der Irak wurde nachhaltig zerstört, das Auftauchen der Organisation, die sich „Islamischer Staat“ nennt, ist klar im zeitlichen Zusammenhang mit der Erosion im Nahen Osten zu sehen. Die Folgen der angeblich „humanitären Interventionen“ sind keine Naturgewalt, sondern von Menschen gemachte und von uns mitverantwortete Katastrophen. Der Waffenexport ist ein lukratives Geschäft, vor allem, wenn inzwischen verschiedene gegnerische Parteien in einer Konfliktregion beliefert werden – das bricht das Völkerrecht, aber das ist weniger Thema in unseren Mediendebatten. Dafür guckt man lieber nach Russland oder zu anderen ausgemachten Feindbildern.

Das Versagen unserer Medien als Vierte Gewalt trägt ihren Teil zur weiteren Eskalation bei. Die idealtypische Aufgabe von Medien ist es nicht, Missstände zu benennen, sondern die Machtverhältnisse auszuleuchten, die dahinter stehen. Das unterbleibt im Wesentlichen – statt dessen lässt man sich auf eine inhumane Diskussion über den möglichen wirtschaftlichen Nutzen von Flüchtlingen ein.

Die Bild-Zeitung vermeldet im Artikel über den überlebenden Vater der Familie, dass die „mutmaßlichen Schleuser gefasst“ seien. War für eine „Erfolgsmeldung“?! Das Pressefoto des Jungen ist tatsächlich ein Symbol; ein Symbol für die Unmenschlichkeit der Politik, die Zusammenhänge ignoriert, und ein Symbol für unsere Medien, die symptomatisch an den Kernpunkten vorbei debattieren – jegliche Form von Instrumentalisierung, auch eine gut gemeinte, verhindert die notwendigen grundlegenden Veränderungen.