Obama und Erdoğan in der Sultanahmet-Moschee

Im letzten Jahr seiner Amtszeit schafft Präsident
Obama, was sein Vorgänger George W. Bush nur sechs Tage nach dem
Terroranschlag vom 11. September tat. Er besucht an diesem Mittwoch
ein islamisches Gotteshaus, um zu zeigen, das Muslime genauso ihren
Platz in den USA haben wie die Anhänger anderer Religionen.

Das Weiße Haus teilte mit, der Besuch der Moschee der „Islamic
Society“ von Baltimore habe das Ziel, „den Beitrag der amerikanischen
Muslime zu der Nation zu feiern und die Bedeutung der
Religionsfreiheit für unsere Lebensweise zu bekräftigen“. Die
Vielfalt der Glaubenstraditionen, die in den USA friedlich
nebeneinander existierten, sei eine der größten Stärken der Nation.
„Muslimische Amerikaner sind unsere Freunde und unsere Nachbarn,
unsere Kollegen und Sporthelden, unsere Männer und Frauen in Uniform,
die das Land verteidigen.“

Der Besuch ist gut getimed; er fällt genau zwischen die beiden ersten
Vorwahlen des Rennens um das Weiße Haus in Iowa und New Hampshire. In
beiden Bundesstaaten haben republikanische Bewerber versucht, mit
Stimmungsmache gegen Muslime politisch zu punkten.

Am weitesten lehnte sich der Populist Donald Trump aus dem Fenster,
als er nach dem Terroranschlag von San Bernardino zum Jahresende ein
totales Einreiseverbot für Muslime forderte. Ted Cruz, Marco Rubio
und eine Reihe anderer Kandidaten wollen keine Flüchtlinge aus dem
Mittleren Osten mehr ins Land lassen. Jeb Bush regte einen
Religionstest an. Christen auf der Flucht sollten einreisen dürfen,
Muslime dagegen nicht.

Die Idee für den Besuch der Moschee in Baltimore, die mit einigen
tausend Mitgliedern zu den größten islamischen Zentren der USA
gehört, entstand im Dezember bei einem Treffen des Präsidenten mit
Führern der muslimischen Gemeinde im Weißen Haus. Während der
hochkarätigen Begegnung, an der neben Obama auch dessen „Rechte Hand“
Valerie Jarrett, die innenpolitische Beraterin Cecilia Munoz und der
stellvertretende Nationale Sicherheitsberater Ben Rhodes teilnahmen,
drängten die Vertreter der Muslime darauf, ein klares Signal für
religiöse Toleranz und gegen Muslim-Hetze zu setzen.

Obama, der „verkappte Muslim“

Für Obama gestaltet sich das Verhältnis zu der Minderheit von Anfang
an schwieriger, weil ihn viele US-Bürger verdächtigen, in
Wirklichkeit kein Christ, sondern ein „verkappter Muslim“ zu sein.
Eine alte Legende, von Parteirivale Trump neu befeuert.

Jüngsten Umfragen zufolge glauben nach sieben Jahren im Amt immer noch
fast jeder dritte US-Amerikaner (29 Prozent) und fast jeder
zweite Republikaner (45 Prozent), Obama folge den Lehren des
Propheten Mohammed. Tatsächlich ist der Präsident ein bekennender
Protestant, dessen einzige persönliche Beziehung zum Islam der nicht
ausgeübte Glaube seines abwesenden Vaters aus Kenia war. Ihm verdankt er auch seinen zweiten Vornamen Hussein.

Eine Visite in einer US-Moschee, so das politische Kalkül in früheren
Amtsjahren Obamas, hätte bloß die alte Legende der Republikaner
genährt. Im Ausland hatte der Präsident dagegen mehrere muslimischen
Gotteshäuser besucht. Seine erste große außenpolitische Rede widmete
er 2009 an der Universität von Kairo dem Versprechen eines Neuanfangs
mit der islamischen Welt.

Dabei hielt sich Obama nicht zurück, wenn es in den USA um die
Verteidigung der Religionsfreiheit der Minderheit ging. Bei der
Verleihung der Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“ der
israelischen Botschaft in Washington warnte er vergangene Woche vor
einer Tendenz, Menschen anderen Glaubens zu stigmatisieren. „Ein
Angriff auf egal welche Glaubensgemeinschaft ist ein Angriff auf
unser aller Glauben.“

Klare Worte fand der Präsident auch in seiner Rede zur Lage der
Nation Mitte Januar. „Wenn Politiker Muslime beleidigen, entweder im
Ausland oder unsere Mitbürger, wenn in Moscheen randaliert wird oder
ein Kind gehänselt wird, macht uns das nicht sicherer“, ging Obama
hart mit Hetze ins Gericht. „Das ist einfach nur verkehrt.“ (kna/ dtj)