Feuerwehrmann in Backnang.

Ein betendes Engelchen, ein kleiner Pandabär und ein abgebranntes Teelicht an einem Laternenpfahl im baden-württembergischen Backnang erinnern noch an die Tragödie, die sich vor einem Jahr im gegenüberliegenden Haus ereignete.

Damals brachten Bürger Plüschtiere, Kerzen und Blumensträuße, um ihre tiefe Trauer über den Tod einer Mutter und sieben ihrer zehn Kinder in der Nacht zum 10. März 2013 auszudrücken. Nur noch an den gelbverputzten Seitenwänden ist das Gebäude zu erkennen, aus dem die Feuerwehr die wahrscheinlich im Schlaf verbrannten oder erstickten Kinder im Alter von sechs Monaten bis 16 Jahren und ihre 40-jährige Mutter barg.

Das Haus ist derzeit eingerüstet und wird von Arbeitern mit Dämmplatten versehen. Schicke Wohneinheiten sollen entstehen. Nur die Brandwohnung wird in ein Büro umgewandelt. „Man wollte hier niemand mehr wohnen lassen, denn jeder weiß, was hier passiert ist“, sagt Bauleiter Christos Kirioglou. Er ist der Grieche, der als Held gefeiert wurde, weil er die Großmutter und einen Onkel der Kinder sowie einen Jungen aus den Flammen gerettet hatte.

Es gibt noch weitere Überlebende der türkischstämmigen Großfamilie: Ein Sohn übernachtete außer Haus und eine erwachsene Tochter hatte bereits einen eigenen Haushalt gegründet. Der Vater lebte von der Familie getrennt. Nach Auskunft des Landratsamtes für den Rems-Murr-Kreis sind die beiden Jugendlichen innerhalb der Verwandtschaft nahe Backnang untergekommen.

Das Jugendamt halte weiter Kontakt, sagt Sprecher Harald Knitter. „Wir gegen davon aus, dass sie nach dem Schicksalsschlag gute Aussichten haben, wieder in einen normalen Alltag zu finden.“ Die Mutter und ihre Kinder wurden im Herkunftsort der Familie im mitteltürkischen Afyon nach einer erneuten Obduktion durch türkische Experten beerdigt.

Einwanderercommunity und türkische Regierung nach NSU-Ermittlungen alarmiert

Das Unglück machte nicht nur wegen der zahlreichen Opfer Schlagzeilen, sondern auch wegen seiner politischen Dimension. Denn das Misstrauen der Türken nach den umstrittenen Ermittlungen zur Mordserie um die Terrorzelle NSU, der vor allem türkische Kleinunternehmer zum Opfer gefallen waren, war damals groß.

Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül verlangte eine vollständige Aufklärung. Der islamische Verband Ditib forderte, bei den Brandermittlungen nicht zu früh einen ausländerfeindlichen Hintergrund auszuschließen, die Opposition in Ankara schickte Abgesandte. Auch die ärmlichen Lebensbedingungen der Familie wurden zum Politikum.

Diese kritische Debatte über den Fall zog internationale Kamerateams und Journalisten in die Gemeinde mit 35 000 Einwohnern, 30 Kilometer vor den Toren Stuttgarts. Die türkischstämmige baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney mahnte daraufhin zur Besonnenheit. Sie sprach der Polizei ihr Vertrauen aus. Diese zog Schweizer Spezialisten bei der Ursachensuche hinzu und bot der Türkei an, eigene Ermittler zu schicken, um sich abzusichern.

Tragisches Unglück statt Anschlag

Anfang April 2013 stellte sich dann heraus, dass nicht – wie ursprünglich von der Polizei angenommen – ein technischer Defekt den Schwelbrand verursachte, der sich zu einem Flächenbrand ausweitete. Die Bewohner hatten das Feuer ausgelöst und es zunächst selbst zu löschen versucht. Das traurige Fazit des Leiters der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, Siegfried Mahler, lautete damals: „Ich denke, es hätte Möglichkeiten zur Rettung der Kinder und ihrer Mutter gegeben.“ Die türkische Seite gab sich mit dem Ermittlungsergebnis zufrieden.

Die Politik zog rasch Konsequenzen aus dem Unglück: Die Regierung brachte schnell ein Gesetz zur Rauchmelderpflicht in den Landtag ein. Für sieben Kinder und ihre Mutter kam die Initiative zu spät. (dpa/dtj)