Die zweitgrößte spanische Bank BBVA (Banco Bilbao Vizcaya Argentaria) hat für 2 Milliarden Euro weitere 14,89 Prozent Anteile an der türkischen Garantibank gekauft. Die Bank war vorher bereits mit 24,9 Prozent an der türkischen Bank beteiligt. Mit diesem Kauf hat die BBVA ihre Anteile auf 39,9 Prozent gesteigert und bekleidet künftig auch sieben statt bisher vier Plätze im zehnköpfigen Vorstand.

Ende 2010 hatte die Garantibank und die BBVA erstmals einen Vertrag über ein Beteiligungsmodell abgeschlossen. Im Vertrag wurde vereinbart, dass nach den ersten fünf Jahren gemeinsamer Führung die Anteile der Doğuş Gruppe, dem auch die Garantibank gehörte, verringert werden könnten. Danach saßen im Vorstand der Garantibank vier Vertreter von der Doğuş Gruppe und vier von der BBVA.

Den Vorstandsvorsitzenden konnte die Doğuş Gruppe bestimmen. Ein unabhängiges Mitglied kam noch hinzu. Laut Vereinbarung hatte die BBVA das Recht, ab dem fünften Jahr weitere Anteile der Garantibank zu kaufen. Bei einem Kauf würde dann die Mitgliedermehrheit im Vorstand an die BBVA übergehen.

Der Vorstandsvorsitzender der Doğuş Gruppe, Ferit Şahenk, ist mit dem Kauf zufrieden. In einer Mitteilung zum Kauf begrüßte er die neuen Möglichkeiten für die eigenen Mitarbeiter. Durch die internationale Stellung der BBVA könnten Mitarbeiter der Bank ab sofort weltweite Karriere machen. Ferit Şahenk wird auch nach der Übernahme seine Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender und Ergun Özer als Generaldirektor ausüben.

Der Finanzchef der BBVA, Jaime Saenz de Tejada, ist guter Dinge bezüglich der Situation des Bankensektors in der Türkei. „Die Türkei bietet weltweit eine der attraktivsten Wachstumsaussichten“, betonte der Spitzenmanager.

Kreditrestriktionen könnten Banken zu schaffen machen

Die Ratingagentur Standard&Poor’s ist hingegen weniger optimistisch. Während sie dem türkischen Bankensektor ein hohes Maß an Resilienz und eine gute Kapitalisierung zugestand, würden zunehmende staatliche Regulierungen ihm schaden, die einem zu schnellen Wachstum von Krediten entgegenwirken sollten. Diese jedoch wären wichtig, um für ein nachhaltiges Wachstum zu sorgen. Der Engpass bei Konsumentenkrediten und die Zurückhaltung bei der Verwendung von Kreditkarten habe eine der Profitabilitätsquellen der Branche geschädigt.

Hatten die gesamten Vermögenswerte der Banken in der Türkei nach OECD-Zahlen im Jahre 2003 nur 50 Prozent des Bruttoinlandsproduktes betragen, sind es heute mehr als 100 Prozent. Und das, obwohl das BIP sich als solches verdreifacht hat. Das Wachsen des Kreditvolumens, das vor kurzem noch 40% jährlich überstiegen hat, hatte stets die Summe des Anlagevermögens überstiegen. Das Verhältnis zwischen Krediten und Anlagen betrug im letzten Jahr 110%, sodass der Sektor für künftiges Wachstum auf externe Mittel angewiesen war.

Anfang des Jahres hatte die türkische Regierung dem weiteren Wachstum des Sektors einen Riegel vorgeschoben, um der zunehmenden Verschuldung von Privathaushalten entgegenzuwirken. Die Maßnahmen, beispielsweise Einschränkungen im Kreditkartenwesen, brachten es mit sich, dass das Kreditvolumen nur noch um etwa 15% im Jahr anstieg.

Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der der „Zinslobby“, wie er sie nennt, den Kampf angesagt hat, möchte offenbar auch mithilfe des staatlichen Bankwesens Privatbanken, die seinen Vorgaben nicht folgen wollen, eine Lektion erteilen.

Harte Zeiten für Banken, die bei der Regierung in Ungnade fallen

Neben Ergun Özen, dem Chef der Garantibank, der im Vorjahr seine Sympathie für die Protagonisten der Gezi-Park-Unruhen zum Ausdruck gebracht hatte, ist vor allem auch die Bank Asya bei Erdoğan in Ungnade gefallen. Sie war von Anhängern der Hizmet-Bewegung des in den USA lebenden Islamgelehrten Fethullah Gülen gegründet worden. Infolge der Korruptionsermittlungen, die im Dezember 2013 bekannt geworden waren und die Erdoğan als Ausdruck einer Verschwörung von Gülen-Anhängern im Inneren des Staatsapparats interpretierte, hat man versucht, die Bank gezielt in den Ruin zu treiben, indem staatliche Institutionen ihre Bestände von der Bank abzogen und gleichzeitig deren Aktienhandel beschränkt wurde.

Mittlerweile steuert der türkische Bankensektor auch noch auf andere Risiken zu. S&P warnt vor einer „Verwundbarkeit türkischer Banken im Falle eines Abwärtstrend ausländischer Kapital- und Kreditmärkte“, da im Laufe der nächsten 12 Monate Schuldtitel in Höhe von 85 Mrd. US-Dollar fällig werden sollen.

BBVA will politische Risiken einkalkuliert haben

Can Demir von Renaissance Capital äußert, er wäre weniger beunruhigt über die Fremdwährungsschulden der eigenen Bank als vielmehr über die Gefährdung aufseiten ihrer Unternehmenskunden. „Die Fremdwährungsschulden türkischer Unternehmen haben sich seit 2004 auf 170 Mrd. US-$ fast vervierfacht“, warnte der Analyst. Die Banken wüssten über die Entwicklungen der Märkte gut Bescheid, die Positionen der Unternehmen seien jedoch viel riskanter.

Die BBVA ist von den Warnungen wenig beeindruckt. Sie lobte die Größe des türkischen Marktes, seine junge Bevölkerung und sein Wachstumspotenzial. Während der IWF bis 2013 lediglich mit einem jährlichen Wachstum der türkischen Wirtschaft von 4% rechnet, geht die spanische Bank von 4,6% aus.

„Geografische Risiken sind ein Thema, das wir mit einkalkuliert haben“, betont Saenz de Tejada. Man sei aber mit den Versprechen und Fallstricken des Standorts Türkei heute wesentlich vertrauter als 2010, als man die ersten Anteile an Garanti erworben hatte. „Seit der ersten Transaktion wissen wir viel besser, wie man hier Dinge erledigt.“