„İyi Bayramlar Efendim“, sagt die Kassiererin eines Ladens in der großen Shoppingmall von Denizli. Sie will mir zum Ramadan-Fest, das in den vergangenen Tagen stattfand, gratulieren. „Aber Moment mal – das Fest ist doch erst morgen!“, denke ich mir. Schnell merke ich, dass die Menschen in der Türkei sich schon in den Tagen vor dem Fest beglückwünschen; einfach aus Freundlichkeit und weil sie sich ja als Fremde wahrscheinlich beim Fest nicht mehr sehen werden.

Die Shoppingmall ist rappelvoll mit Menschen. Jeder will sich und seinen Kindern neue Anziehsachen zum Fest kaufen, die Familien und Freunde, die man lange nicht mehr gesehen hat, mit Geschenken beglücken.

Auch ich brauche neue Klamotten. Mein Gepäck ist beim Flug von Stuttgart mit zehnstündigem Zwischenstopp in Istanbul nach Denizli verloren gegangen. Die Preise kommen mir hier recht günstig vor. Für einen Euro bekomme ich fast drei Lira – ein guter Deal.

Ein Tag noch, dann ist Bayram, das heißersehnte Fest zum Ende des Ramadans. Nur noch heute müssen Muslime fasten.

Gegen Nachmittag fahre ich ins Heimatdorf meiner Eltern. Es befindet sich noch in der Provinz Denizli, einen Katzensprung von Antalya entfernt.

„Die Toten warten auf uns“

Die Autobahn ist ebenso voll. Nur langsam kommt man voran. Angekommen im Dorf erwartet mich ein fröhliches und höfliches „Hoşgeldiniz“ (dt. Herzlich Willkommen). Nach kurzen Smalltalks fahren wir mit der ganzen Familie zum Friedhof. Welch eine Überraschung: Auch der Friedhof ist überfüllt. Friedhofsbesuche gelten in der Türkei als besonders wichtig. Insbesondere vor wichtigen Tagen wie dem Ramadan-Fest. Vor dem Fest sollen die Toten als erstes besucht werden. „Sie warten auf uns“, so heißt es in der Bevölkerung.

Am Abend wird noch der letzte Fastentag beendet. Es fühlt sich irgendwie seltsam an. Sätze wie „Der Ramadan ist in diesem Jahr viel rascher als sonst vorübergegangen“ hört man jedes Jahr an jedem Tisch immer wieder.

Nach dem Essen geht es wie gewohnt mit Mokka und türkischem Tee weiter. Fleißige Familien backen zum Fest ein paar Tage davor die leckere Süßspeise Baklava. Diese Baklava schmeckt mir viel besser als jene in bekannten Baklava-Läden. Das mag an der großen Leidenschaft liegen, mit der die Frauen die Süßspeise zubereiten. Sie ist eigentlich für die Gäste gedacht, die am ersten Bayram-Tag zu Besuch kommen werden. Mein Onkel gehört zu den ältesten in der Großfamilie, meine Großeltern sind verstorben. Deshalb erwartet er eine Vielzahl an Besuchern. Den Baklava dürfen wir aber heute schon vorkosten.

Im engsten Familienkreis sprechen wir über vieles. Mokka, Tee und Baklava genießen wir bis tief in die Nacht. Wir haben uns schließlich lange nicht mehr gesehen. Und dies hängt nicht unbedingt damit zusammen, dass ich in Deutschland lebe. Auch viele Familien in der Türkei leben nicht mehr unter einem Dach. Während der Familienälteste meist noch im Dorf wohnt, lebt einer in der Familie in Istanbul, der andere in Izmir und ein dritter wiederum in Erzurum. Man sieht sich meist nur an Bayram, vorausgesetzt, die finanziellen Mittel sind vorhanden.

Früh am Morgen in die Moschee

Nach Mitternacht gehen wir schlafen. Am nächsten Tag begeben wir uns um 06.30 Uhr zum Bayram-Gebet in die Moschee. Die Freude ist groß. Ein Monat fasten ist vorbei. Alle haben sich fein angezogen. Der Imam spricht davon, dass Muslime das Fasten auch abseits des Ramadans fortsetzen sollen. Damit will er aber nicht sagen, dass man soll aufs Essen oder Trinken verzichten soll; nein, vielmehr solle man auf sein Verhalten achten, das Schlechte unterlassen. Nach dem kurzen Gebet geht es erstmal zurück nach Hause. Zum Frühstück fahren wir zu meinen Großeltern. Anschließend erst geht es zurück zum Onkel. Ältere haben in der Türkei aus Höflichkeit immer Vorrang.

Im Dorf bei meinem Onkel ist es schön. Bei gefühlt 100 Gläsern Çay und Baklava fehlen die Diskussionen über die Politik, das habe ich so nicht erwartet.

Wenn man auf der Straße unterwegs oder zu Besuch ist, tauchen plötzlich Kinder auf und küssen die Hände der Älteren. Der ein oder andere küsst auch meine, trotz meines jungen Alters. Dieser Akt ist nicht zwecklos. Kinder erhoffen sich dadurch, Taschengeld zu ergattern. Spenden, besonders an Bayram, gelten im Islam als besonders segensreich. Deshalb schenken Ältere ihnen etwas Geld. Meist mindestens fünf Lira. Ich sehe meinen Vater mehrere 5-Lira-Scheine austeilen. Bei sehr engen Verwandten, wie Neffen zum Beispiel, steigt dieser Wert. Während manche Kinder das Geld sparen, geben es andere direkt am nächsten Kiosk aus, kaufen sich Eis, Schokolade, Chips oder Bonbons. Die Eltern, die sonst etwas strenger sind, drücken heute ein Auge zu.

Der erste Tag ist für Besuche innerhalb der Großfamilie gedacht, der zweite gilt für Freunde und Nachbarn. Am Sonntag, dem letzten Bayram-Tag, bleiben die Familien mehr unter sich. Sie picknicken, fahren an schöne Orte. Familien, die von weiter Entfernung gekommen sind, fahren zurück.

Ich war lange nicht mehr an einem Bayram in der Türkei. Es war schön, aber nicht sehr viel anders als in Deutschland.