Im NSU-Prozess gibt es neue Erkenntnisse zum Privatleben von Beate Zschäpe.

„Freundlich und offen“, so beschreibt eine ehemalige Nachbarin von Beate Zschäpe die mutmaßliche Rechtsterroristen im Prozess gegen den sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) vor dem Münchener Oberlandesgericht am Dienstag. Die 46-jährige Zeugin lernte Zschäpe in der Zwickauer Polenzstraße, wo sie noch heute wohnt, kennt. Die Hauptangeklagte erinnert sich an eine „Hausfrau“, die alle „Lisa“ nannten.

Zschäpe gab sich damals eine bürgerliche Tarnung: Sie müsse aufgrund ihrer reichen Familie selbst nicht für ihren Lebensunterhalt arbeiten, ihr Mann sei häufig auf Montage unterwegs, sagte sie der Zeugin, die dies nicht hinterfragte. Man habe sich gern mit ihr unterhalten, sagt sie. „Sie war ja eine angenehme Person, das muss man schon sagen.“

Die Nachbarschaft profitiert von Zschäpe

„Lisa“ war großzügig: Für Nachbarschaftstreffen im gemeinsamen Hof zahlte sie häufig die Zeche. Einer befreundeten Familie spendierte sie manchmal den Wocheneinkauf. Zschäpe hatte offenbar ein bequemes Leben und wollte andere daran teilhaben lassen. Fassade oder nicht: Die Nachbarschaft profitierte von der untergetauchten Terroristin.

2010 zog Zschäpe von der Polenzstraße in die Frühlingsstraße: Ein Fußweg durch Zwickau von knapp 20 Minuten. Kein Grund für „Lisa“ die alten Kontakte aufzugeben. Sie besuchte die ehemaligen Nachbarinnen regelmäßig und war weiterhin „ein gern gesehener Gast“, wie es die Zeugin formuliert. Von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hörte und sah sie hingegen wenig. Vor Gericht konnte sie sich kaum an die Männer erinnern

„Lisa“ verändert sich

Zwei Wochen vor der Aufdeckung des NSU und der Brandlegung im ehemaligen Versteck der mutmaßlichen Terroristen in der Frühlingsstraße kam Zschäpe das letzte Mal zu Besuch in die Polenzstraße. Sie habe gereizt gewirkt und keine Runden für die Nachbarinnen mehr geben, erinnert sich die Zeugin.

Zu diesem Zeitpunkt „stand sie sehr unter Druck“, sagt sie. An dem Abend habe sich Zschäpe, alias „Lisa“ betrunken und einer weiteren Nachbarin eine „Standpauke“ gehalten. Sie sei dabei „richtig aggressiv“ geworden, berichtet die Zeugin. Als Zschäpe danach schwankend auf ihrem Fahrrad davonfuhr, sah sie die Hauptangeklagte im NSU-Prozess zum letzten Mal.

Verhandlung unterbrochen, Zschäpe krank

Zschäpe hörte der Zeugin im Gerichtssaal aufmerksam zu, bat nach ihrer Aussage aber um Ruhe. Sie fühle sich krank, erklärten ihre Anwälte. Richter Götzl unterbrach die Sitzung und gönnte der Hauptangeklagten eine Auszeit.

Zschäpe ist seit 2013 wegen Mittäterschaft in zehn Mordfällen, besonders schwerer Brandstiftung und Mitgliedschaft in und Gründung einer terroristischen Vereinigung vor dem Münchener Oberlandesgericht angeklagt. Seit mehr als drei Jahren ist sie in Untersuchungshaft.

Die schreckliche Bilanz

Die Terrorgruppe des sogenannten NSU soll von 2000 bis 2011 aus Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bestanden haben. Die beiden mutmaßlichen männlichen Mitglieder der Gruppe sollen acht türkischstämmige und einen griechischen Händler sowie eine Polizistin getötet und 14 Banken in Chemnitz, Zwickau, Stralsund und Arnstadt überfallen haben.

Mittlerweile haben die Taten des sogenannten NSU fünf Untersuchungsausschüsse auf Bundes- und Länderebene beschäftigt und unzählige Entlassungen und Rücktritte verursacht. Wirkliche Erkenntnisse bleiben jedoch rar, Verschwörungstheorien beliebt.