Müllberge, die auf der Straße brennen, Bauruinen und Schafe mitten in einer Betonwüste. Fotografien von Istanbul, das die meisten Touristen so nicht kennen. Sie sind seit Donnerstag in der Ausstellung „Imagine Istanbul“ in Brüssel im Bozar, den Königlichen Museen der Schönen Künste, zu sehen. Istanbul sei keine Stadt, sondern eine Muse, erklärte der Kurator R. Paul McMillen. Die Stadt am Bosporus hat die Fotografen seit dem 19. Jahrhundert fasziniert, wie die über 100 Aufnahmen zeigen, die im Rahmen des bis zum 31. Januar dauernden Kulturfestivals Europalia zu sehen sind.

„Imagine Istanbul“ ist eine der über 200 Veranstaltungen des Events, das dieses Jahr der jahrtausendalten Kultur und Kunst der Türkei gewidmet ist. Einer der ausgestellten Fotografen ist Ali Taptık. Er wurde 1983 in der türkischen Metropole geboren und trug bei der Pressevernissage eine schwarze Armbinde – als Zeichen der Trauer um fast 100 Toten des in Ankara verübten Anschlags vor wenigen Tagen.

Die Türkei sollte bereits 1997 Gastland sein. Doch wurde die Einladung wegen des sich zuspitzenden politischen und militärischen Konflikts zwischen der türkischen Regierung und der PKK abgesagt. Auch dieses Jahr wird das Event, das mit Konzerten in Amsterdam und Köln auch Ausläufer in die Nachbarländer hat, von politischen Ereignissen und Dramen überschattet.

Der lange Schatten der aktuellen Konflikte fällt bis nach Belgien

Nach dem Ankara-Attentat sei die Spannung auch in Istanbul spürbar, erzählt Kurator McMillen. Er selber ist Ire, lebt aber seit über 30 Jahren in der Türkei. Neben den melancholischen Arbeiten von Taptık, der das einstige Konstantinopel zwischen früher und heute zeigt, sind Aufnahmen von Ahmet Polat und Henri Cartier-Bresson zu sehen sowie Videos der Konzeptkünstlerin Sophie Calle. Eindeutiger Star ist Ara Güler, der als der berühmteste Fotograf der Türkei gilt. Die Schwarz-Weiß-Bilder des 86-Jährigen zeigen seine Heimatstadt in den 50er Jahren – ein Istanbul, das es heute nicht mehr gibt.

Das diesjährige Festival sei eine besondere Herausforderung gewesen, gesteht Kristine De Mulder, die Generalmanagerin von Europalia, weil die Türkei ein Land sei, das mit einem Bein in Asien und mit dem anderen in Europa stehe. Auf was für ein reiches kulturelles Erbe die Türkei zurückschauen kann, zeigt ein Blick in das Programmheft. „Anatolia. Home of Eternity“, die Eröffnungsausstellung im Bozar, gehört mit über 250 archäologischen Objekten aus rund 12 000 Jahren zu den Highlights.

Anatolien, womit der gesamte asiatische Teil des Landes gemeint ist, gilt als Wiege zahlreicher Zivilisationen. Neolithische Figurinen, Bronzeobjekte aus dem hethitischen Großreich rund 1350–1200 vor Christus sowie Statuen aus der griechisch-römischen Antike zeugen davon. Mehr als 30 Museen in der Türkei haben ihre schönsten und kostbarsten Stücke nach Brüssel geschickt, darunter auch ein in Stein gehauener Kopf eines Mannes. Er wurde in Göbekli Tepe ausgegraben – dem ältesten Monument der Menschheit. (dpa/dtj)