GASTBEITRAG Eine Schlagzeile, die wohl die meisten Türken nach den verheerenden Anschlägen gerne als Titelbild einer jener Zeitungen gesehen hätten, die gestern „Je suis Bruxelles“ verkündeten. Aber woran liegt es, dass Anschläge auf europäischem Boden ein Maß der Empathie erreichen, von der wir Türken nur träumen können?

„Die Türkei gehört nicht zu Europa“ – wer hat das Thema nicht in der Schule behandelt? Die ewig andauernden EU-Beitrittsverhandlungen der Türkei. Man debattierte um die Wirtschaftslage und Menschenrechte und am Ende lief es oftmals darauf hinaus, dass die muslimische Türkei weder geographisch noch kulturell zum christlichen Europa passen würde. Heute orientiert sich die Türkei weniger an Europa als früher und der osmanische Gedanke taucht wieder häufiger auf. Doch er ist sehr elitär. Ein Club, dem nicht jeder angehören kann oder gar möchte, und so differenzieren wir in der Türkei an einer Stelle, wo wir es gerade nicht tun sollten. So schieben wir Opfer in Schubladen und unser eigenes Mitgefühl für unsere Landsleute schwindet. Schon bei den Gezi-Protesten waren die Toten vielen gleichgültig, da es ja Gezicis waren. Die Tragik um einen Jugendlichen, der in einer Ecke von Polizisten zu Tode getreten wurde, war für viele nicht ungerechtfertigt. Auch auf den Demonstrationen danach waren die Verletzten und Erblindeten, die Toten und Verkrüppelten, aus welchem Grund sie auch immer demonstrierten, hinnehmbar oder aber ein „Erfolg“ bei der Verteidigung des Staatsapparates.

Und als der IS und die TAK wüteten? In Suruç hieß es, es seien halt Kurden, und wieder sank das Mitgefühl gegenüber unseren Landsleuten und selbst eine Schweigeminute während eines Fußballspiels in Diyarbakır haben wir mit unseren Pfiffen verhindert. Und so zieht sich das bis zu den jüngsten Anschlägen hin.

In jeder Bevölkerung gibt es unterschiedliche politische Ansichten. Aber in Zeiten des Sturms ist es dann ein Präsident, der das Volk vereint. Der mehr trauert als jeder andere und verspricht, alles in seiner Macht stehende zu tun, um ähnliches Übel fortan abzuwenden. Und in der Türkei? Nun, wir kennen alle Erdoğan. Oder sah ihn irgendjemand für den Tod unserer Landsleute so weinen, wie für Rabia?

Bisher nutzte er jeden Anschlag zur Betonung, dass er mehr Befugnisse brauche, um die Terroristen zu bekämpfen. Die gesetzliche Grundlage existiert jedoch bereits. Es ist in der Türkei eine Straftat, einer terroristischen Organisation anzugehören und auf Grundlage dieses Gesetzes wurden auch Militärs und Anti-Terror-Einheiten inhaftiert. Also wenn Premier Ahmet Davutoğlu tatsächlich eine Liste von Selbstmordattentätern hat wie er behauptet, könnte man diese nach diesem Gesetz einsperren, und selbst wenn hier Gesetzeslücken auftauchen sollten, sagte die CHP schon Unterstützung im Parlament zur Bildung einer ausreichenden Gesetzeslage zu.

Aber mir geht es hier gar nicht um Erdoğan. Als die Türkei gegründet wurde, zogen all jene Gruppen, die sich heute verfeindet gegenüber stehen, an einem Strang mit dem Ziel, eine starke und moderne Türkei aufzubauen. Heute stehen die Türken wie Mosaikstückchen voreinander und kriegen keine gemeinsame Trauerveranstaltung hin. Von 200.000 Türken in Berlin schafften es gerade einmal 1.000 Menschen zu einem Trauerzug am Kottbusser Tor. Leute, wenn weder unsere Repräsentanten trauern und keine internationale Trauerfeier wie Hollande in Paris initiieren, noch wir als Bevölkerung gemeinsam trauern können, was können wir dann noch von den anderen erwarten? Deshalb bitte ich euch, lasst uns wieder enger beieinander stehen!

Hoffentlich war der Anschlag in Istanbul der letzte in der Türkei und der in Brüssel der letzte überhaupt. Aber falls doch nochmal etwas passieren sollte, lasst uns doch bitte gemeinsam trauern. Den Bürgermeister mit E-Mails nerven, damit unser Ay Yıldız auf das Brandenburger Tor projiziert wird, auf Trauerveranstaltungen gehen, gleichgültig, ob sie von einem MHPler, HDPler, AKPler, CHPler oder sonstwem ins Leben gerufen wurde und jedes Nachrichtenmagazin mit Mails bitten, bis ihre Titelseite nur noch lauten kann „Ben Türkiyeyim“.

Denn wenn wir wollen, dass andere mit uns trauern, müssen wir ihnen schon zeigen, dass WIR trauern.


Diesen Beitrag hat uns Kerem Polat aus Berlin über Facebook mit der Bitte um Veröffentlichung zukommen lassen.