Beni Tanı: Junge Muslime zeigen gleichaltrigen Nichtmuslimen ihre Welt

„Lernen wir uns kennen“ (wortwörtlich „Lern mich kennen“) lautet die Devise der neuen Generation in Deutschland. Eine Generation, die sich nicht mehr in Parallelgesellschaften und internen Gruppen versteckt, sondern teilnimmt, aktiv bei der Gestaltung einer neuen Gesellschaft mitwirkt, ihre muslimisch-deutsche Identität beibehält und dabei auch selbstbewusst auftritt.

Was ist „Beni Tanı“?

„Beni Tanı“ ist ein Jugendprojekt, das muslimische Jugendliche befähigen soll, nicht-muslimische Jugendliche in persönlichen Begegnungen an ihren eigenen Lebenswelten teilhaben zu lassen. Es schafft Räume, in welchen sich christliche, jüdische, säkulare und muslimische Jugendliche auf Augenhöhe über ihre Lebenswelten austauschen können.

Das interreligiös-interkulturelle Jugenddialogprojekt wurde vom Süddialog e.V. und dem Zentrum für interkulturelle Kommunikation e.V. (ZikK e.V.) an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg organisiert und von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert. Weiterhin steht das Projekt unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (B’90/Die Grünen).

Wie läuft das Projekt ab?

Die muslimischen Jugendlichen besuchen nach einer langen Einführungs- und Ausbildungsphase öffentliche Schulen und Jugendgruppen. Den Projektteilnehmern werden in Ganztagsseminaren Gesprächstechniken und kommunikative Kernkompetenzen für den interreligiös-interkulturellen Dialog vermittelt. Sie werden darin ausgebildet, ihre religiöse Lebenswelt mit ihren Überzeugungen, Wertvorstellungen und Bräuchen, gleichaltrigen Nicht-Muslimen vorzustellen und anschließend die Fragen der Zuhörerinnen und Zuhörer fundiert und konstruktiv zu beantworten. Zusätzlich vermitteln die Ganztagsseminare den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen deutsch-islamischen Wortschatz für den interreligiös-interkulturellen Dialog.

Nach dieser Einführungs- bzw. Ausbildungsphase besuchen die Projektteilnehmer Schulklassen oder Jugendgruppen, welchen sie erst den Sinn und Zweck des Projekts vorstellen und dann von sich bzw. über ihren Alltag erzählen. Nach den Präsentationen folgt dann die Fragerunde, in welcher die Fragen der Jugendlichen von den Referenten oder den Begleitern beantwortet werden.

Warum „Beni Tanı“?

Die frühe Begegnung zwischen muslimischen Jugendlichen und Nicht-Muslimen soll bereits in jungen Jahren zu einer Entdeckung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede verhelfen und auch einen Einblick ins muslimische Alltagsleben gewähren. Der frühzeitige Ansatz des interreligiösen Dialogs begünstigt den Abbau von Vorurteilen bzw. lässt diese erst gar nicht aufkommen.

Das Projekt konzentriert sich primär auf öffentliche Schulen. Ziel ist dabei, mit dazu beizutragen, dass diese Schulen im Hinblick auf ihre Unterrichtsinhalte in Fächern wie Ethik, Religion und Deutsch oder sogar Geschichte und Gemeinschaftskunde über ein entsprechend einheitliches und konstantes Angebot von authentischen Informationen zu Themenfeldern wie „Muslimisches Leben in Deutschland“ und „Islam“ verfügen.

„Beni Tanı“ hilft den Projektteilnehmern, ihre muslimisch-deutsche Identität zu wahren und dabei noch kritikfähig zu bleiben. Durch die Kritik in der Fragerunde werden die muslimischen Jugendlichen dazu bewegt, ihr Leben im islamischen Rahmen besser zu gestalten und mit den Sachverhalten besser umzugehen. Sie lernen somit auch, in deutscher Sprache über ihren religiösen und kulturellen Alltag zu berichten.

Aus der Analyse der bisherigen Besuche lässt sich herausstellen, dass die nicht-muslimischen Schüler und Schülerinnen (Alter zw. 14-18) vor allem folgende Vorurteile haben bzw. hatten:

Muslime seien gewalttätig

Die Frau habe kein Entscheidungsrecht über die Partnerwahl bei der Eheschließung

Muslimische Mädchen seien sehr isoliert

Burkazwang

Kopftuchzwang

Engstirniges Denken werde vom Koran vorgegeben

Unterdrückung und/oder Benachteiligung der Frau durch Männer/Religion/Gesellschaft

Der Mann gelte als der Frau überlegen

Djihad bedeute gewalttätiges Vorgehen gegen Nichtmuslime

Muslimische Männer schlügen ihre Frauen

Wertminderung der Frau in türkischen Familien

Muslimische Bartträger seien Terroristen

Muslime glauben, der Islam sei die beste Religion

Ehrenmord sei Teil der Religion

Der Islam belohne Selbstmordattentate

Zu den Fragen, was die Muslime in Zukunft besser machen könnten, wurden folgende Vorschläge gemacht:

Mehr Transparenz zeigen (öffentliches Beten etc.)

Einblick in den anderen Glauben gewinnen bzw. sich in andere Menschen, die nicht Muslime sind, hineinversetzen

Klärung der offenen Fragen

Mehr Dialog

Respektvoller Umgang mit den Nicht-Muslimen

Was will das Projekt erreichen?

Das Ziel dieses Projekts ist in erster Linie, ein Forum für interreligiös-interkulturelle Begegnungen zu schaffen – gestärkt durch Besuche zwischen gleichaltrigen Jugendlichen -, in welchem ein für alle Seiten konstruktiver, respektvoller Meinungsaustausch sowie die entsprechende Dialogkultur gepflegt werden. Zusätzlich wird beabsichtigt, Begegnungen und Gespräche wie im Rahmen des Projekts aber auch außerhalb desselben zu ermöglichen. Jugendliche sollten auch in der Freizeit zusammenkommen, um die Berührungsängste verlieren und Vorurteile abbauen zu können.

Die Jugendlichen werden durch dieses Projekt gesellschaftsoffener, identitätsstärker und selbstbewusster in Fragen der Vermittlung der notwendigen Dialogkompetenz, sie werden Experten ihrer selbst, des Anderen und des interreligiösen Miteinanders. Sie entwickeln ein Sprachvermögen und werden vor allem für interkulturelle und interreligiöse Belange sensibilisiert.