Besser, Du gehst dem Mord Deines Mannes nicht nach!

ANALYSE Im Mordfall Uğur Mumcu (Foto) gibt es eine bemerkenswerte und äußerst interessante Entwicklung: Die CHP-Abgeordnete Güldal Mumcu, die Ehefrau des Publizisten, der am 24. Januar 1993 unmittelbar vor seiner Wohnung in seinem Wagen ermordet wurde, hat in ihrem Buch endgültig mit den altbekannten Ansichten der Säkularisten gebrochen.

Am Deutlichsten tritt das in ihren Ausführungen über „Yeşil“ (türkisch: grün) zu Tage. Der mutmaßliche Attentäter Mahmut Yıldırım, ein blutrünstiger Mörder aus den Abgründen des tiefen Staates, der seit 1998 untergetaucht ist und den Codenamen „Yeşil“ verwendet haben soll, habe sie im Mai 1996, zum Opferfest, mit zwei kleinen Kindern besucht. Dies sollte eine besondere Botschaft an Frau Mumcu in ihrer Eigenschaft als Mutter sein. Es sei die klare Ansage gewesen: „Geh’ am besten der Ermordung Deines Mannes gar nicht erst nach, denn auch Du hast Kinder…“

Aber nun hat Güldal Mumcu mit ihrem Glauben, dass endlich die vielen ungelösten Morde aufgeklärt werden können, offenbar auch den Mut gefunden, ihr Wissen zu teilen.

Kein Mitgefühl mit den Opfern

Seitdem die Ergenekon– und Balyoz-Prozesse begonnen haben, kommt immer stärker zum Vorschein, wie weit die säkularistischen Eliten die Schirmherrschaft über Verbrecher dieser Art ausgeübt hatten. Deshalb wehren sie sich massiv gegen Enthüllungen und ziehen gleichzeitig auch alle Register, um unter alevitischen und kurdischen Bürgern Verwirrung zu stiften. Damit die Schirmherrschaft verborgen bleibt, bemüht man sich um Abschirmung der Verdächtigen, Diskreditierung der Strafverfolger, Verdünnung und Trübung der Spuren zu den Fällen. Es wird immer noch versucht, all das Geschehene als eine politische Show der AKP hinzustellen. Sie begreifen, dass, wenn die Wahrheit ans Licht kommen sollte, dies das endgültige Ende ihrer Bevormundung der Bürger bedeuten würde. Die kemalistisch-nationalistische Ideologie, welche Atatürks Namen benutzt, bemerkt, dass ihr Ende gekommen ist. Und nur deshalb versucht sie, Gleichgültigkeit gegenüber Güldal Mumcus Buch zu simulieren und nur deshalb wird es in weiten Teilen der kemalistischen Medien ignoriert.

Die Aufklärung des Mordes an Uğur Mumcu würde auch die Aufklärung weiterer Morde nach sich ziehen. Sie könnten alle restlos geklärt werden, die Morde an Richter Doğan Öz, Abdi İpekçi, Muammer Aksoy, Çetin Emeç, Bahriye Üçok. Und so müsste es auch sein, weil in diesem Land keine Demokratisierung ohne die Aufklärung von ungelösten und politischen Mordfällen stattfinden kann. Die dunkle, schmutzige und blutige Organisation namens Ergenekon lebt weiter, ihr Machtverlust dürfte höchstens bei zehn Prozent liegen. Angesichts der Tatsache, dass sie im Moment eine harte Zeit durchmacht, versucht sie sich durch diese Schwächephase zu retten, um später umso mächtiger wieder auferstehen zu können.

Das, was sie wirklich zerstören kann, sind Aussagen, die davon herrühren, dass sich das Gewissen der Säkularisten regt. Und das ist immer öfter der Fall, etwa bei Bilge Emeç, der Ehefrau von Çetin Emeç, die am 14. Februar 2010 in der „Vatan“ im Gespräch mit Sanem Altan bekannte: „Wer hinter diesen Angelegenheiten steckt, wurde immer noch nicht geklärt. Da wir andauernd Drohungen mit religiösem Inhalt erhielten, haben wir immer an „Iran“, „religiösen Hintergrund“ oder ähnliches gedacht. Denn ich bin eine Armee-Sympathisantin, eine kemalistische, patriotische Frau. Aus diesem Grund habe ich mich niemals über mein Land geärgert. Mit anderen Wahrheiten wollte ich schlichtweg nicht konfrontiert werden.“

Nur vollständige Aufklärung kann das Land zur Ruhe bringen

Wenn die Säkularisten anfangen werden zu reden – egal, wem die Wahrheit schaden oder nutzen, wer sich als schuldig oder unschuldig herausstellen wird – werden unser Volk, unser Land und die kommenden Generationen die Gewinner sein. Wenn auf der säkularistischen Seite das Gewissen erwacht, werden die Mächte, welche die Staatsstreiche provozierten, welche manipulierten und zu Straftaten anstifteten, hilflos dastehen. Bei den ungelösten Mordfällen und großen Provokationen gab es nur ein Ziel: die Türkei zu polarisieren, das Land zu spalten, die Türkei in Gruppierungen von Sunniten, Aleviten, Säkularisten, Antisäkularisten, Türken, Kurden usw. zu teilen.

Unter jenen, denen diese Auseinandersetzungen zupass kamen, befinden sich auch die wahren Mörder. An jenem Tag, an dem die Justiz nicht nur die Auslöser, sondern auch die Anstifter zur Rechenschaft ziehen kann, werden alle durchatmen können.

*Gülerce, geb. 1950 in Edirne, ist Lehrer, Buchautor und „Zaman”-Kolumnist. Er war auch zeitweise stellvertretender Chefredakteur von Zaman. Sein Themenschwerpunkt ist die türkische Innen- und Parteienpolitik.