Die aktuelle Kampagne zum Boykott der BILD-Zeitung ging von einem Tankstellenwart in Bendorf auf. Ihm war der Kragen geplatzt. Der pietätlose Umgang mit dem Absturz der Germanwings Maschine war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Auf Facebook erläuterte man seinen Kunden, warum es ab sofort keine BILD-Zeitung mehr im Kioskverkauf gab. Es folgten viele Nachahmer. Im Vergleich zum Boykottaufruf von Kioskbetreibern im Jahre 2010, womit man damals ein Zeichen gegen die Verbreitung des sarrazinschen Rassismus setzen wollte, nahm diese Kampagne mehr Fahrt auf und erreichte am 11.4. ihren vorläufigen Höhepunkt mit Kundgebungen vor dem Axel-Springer Haus in Berlin und Protesten in anderen Städten.

Andere Einzelhändler betonten die Hetze gegen Griechenland als Ursache für ihre Beteiligung, andere die Kriegshetze gegen Russland. In sozialen Medien ließen sich daraufhin Hinweise finden, dass Händler von Zeitungslieferanten unter Druck gesetzt würden, ihnen im Falle eines BILD-Boykotts auch keine anderen Zeitungen mehr zu liefern.

Signalwirkung ist nicht zu unterschätzen

Nun ist die BILD zwar kein Aboblatt und auf den Kioskverkauf angewiesen, dennoch dürfte die Kampagne zum jetzigen Zeitpunkt dem Springer Meinungskonzern kaum wehtun. Man setzt schon lange auf Konvergenz und neue Medien. Die Signalwirkung ist dennoch nicht zu unterschätzen und reiht sich ein in die Unzufriedenheit mit der Medienleistung insgesamt.

Man ist allerdings bescheidener geworden. In den 1960er Jahren forderten vor allem Studierende „Enteignet Springer!“ und suchten die Auslieferung der BILD-Zeitung zu verhindern. Die bis heute üblich gebliebene Täter-Opfer-Umkehr im Hause Springer führte damals zum Anschlag auf Rudi Dutschke. Die nach ihm benannte Straße in Berlin Mitte führt direkt zum Springer-Haus.

Obwohl es der BILD immer wieder mal gelingt, durch Kampagnen wie „Wir kämpfen für Sie!“ den Eindruck zu erwecken, man kämpfe für die Anliegen des kleinen Mannes, ist es ein ausgewiesenes Elitenmedium, das die Herrschaftsstrukturen stärkt. Die übelsten Verbrecher in der BILD sind die Minderheiten: Ausländer, Asylsuchende, Muslime, Hartz IV-Empfänger. Hetze und Übertreibung durchziehen die Blattgeschichte: Vom „Türken-Terror“ der 1970er Jahre über die „Flüchtlingsströme“ Anfang der 1990er Jahre bis hin zu den „Pleite-Griechen“ von heute sind es nur noch ein paar weitere Schlagzeilen bis zu brennenden Wohnhäusern und Flüchtlingsunterkünften. Und wenn die Übertreibung mal nicht mehr reicht, schreckt man auch vor Fälschungen nicht zurück, wie nicht zuletzt Günter Wallraff in seinem Buch „Der Aufmacher“ dokumentiert.

Was häufig in der Debatte übersehen wird: Volksverhetzung ist nicht vom Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit gedeckt. Und im Gegensatz zur Feststellung Paul Sethes vor 50 Jahren – „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ – ist es dringend geboten, eine echte Presse- und Meinungsfreiheit einzufordern, die Rassismus- und Medienkritikern zu Wort kommen lässt.