Der koptische Bischof Anba Damian berichtet über die Lage der koptischen Christen in ihrer Heimat und in Deutschland und erklärt seine Sicht auf die aktuelle politische Situation in Ägypten. Die USA agieren ihm zufolge zwiespältig in Ägypten.

Christen auf der ganzen Welt feiern an diesem Wochenende Ostern. Auch im Nahen Osten. Die Kopten sind die größte christliche Religionsgemeinschaft in Ägypten. In Deutschland leben ca. 10 000 Mitglieder der koptischen Kirche. Ihnen steht der Generalbischof der koptisch-orthodoxen Kirche, Bischof Anba Damian, vor. Er hat seinen Sitz im koptischen Kloster in Höxter-Brenkhausen. DTJ-Online sprach mit Bischof Damian darüber, was die Kopten von den anderen christlichen Konfessionen unterscheidet, wie die Lage der Christen in Ägypten ist, wie er die politische Situation in Ägypten einschätzt und wie die Kopten zum interreligiösem Dialog stehen.

Über den Lösungsweg im innerägyptischen Konflikt sagt der Bischof: „Das große Leid kann nur durch Ausgleich und Versöhnung gelindert werden. Der Friede der ganzen ägyptischen Nation, des ganzen ägyptischen Volkes, der ganzen Region hängt davon ab, dass das Chaos ein Ende findet.“

Was bedeutet der Begriff „koptisch“ und wer sind die Kopten?

„Koptisch“ leitet sich vom griechischen Wort „Aegyptos“ her, was nichts anderes heißt als „Ägypter“, und steht in der deutschen Wortprägung „Kopten“ für die orthodoxen Christen Ägyptens. Die koptische Kirche ist eine der ältesten und traditionsreichsten christlichen Kirchen. Sie ist gegründet vom Evangelisten Markus, der, geboren in Libyen, nach seinem Aufenthalt im Heiligen Land um 38 n. Chr. nach Ägypten zog und dort von Alexandria aus das Christentum in ganz Ägypten verbreitet hat.

Wir koptischen Christen leben seitdem in der ungebrochenen apostolischen Sukzession und pflegen unsere ägyptischen und christlichen Traditionen mit Stolz, denn Ägypten als das Land religiös-christlicher Ursprünge wird in der Bibel vielhundertfach erwähnt. Allein im Alten Testament findet es 480 mal Erwähnung.

Worin unterscheidet sich Ihre Religionsgemeinschaft von anderen Christen?

Wir haben, wie die katholische Kirche, sieben Sakramente. Unsere Priester jedoch dürfen heiraten und Familien gründen, aber unsere Mönche leben zölibatär. Unsere Kirchensprache, das Koptische, pflegt die Tradition der altägyptischen Sprache. Allerdings benutzen wir das altgriechische Alphabet, sowie einige spezielle lautsprachliche Zeichen. Manche junge Kopten haben in den letzten Jahren begonnen, sich das Koptische auch als Alltagssprache, als Zeichen ihrer Identität wieder anzueignen. Wir haben keine Kirchenorgel, sondern benutzen vokale Melodien, die wir von den Pharaonen geerbt haben.

Wie ist Ihre Beziehung zu den anderen christlichen Gemeinschaften?

Es bestehen aktive ökumenische Beziehungen zu anderen Konfessionen. Besonders lebendig sind sie innerhalb der altorientalisch-orthodoxen Familie, das sind wir, die Äthiopier, die Eriträer, die syrisch-orthodoxen und armenisch-apostolischen Christen sowie die indischen Thomas-Christen. Diese Kirchen haben untereinander eine uneingeschränkte sakramentale Gemeinschaft. Zu den byzantinischen Kirchen haben wir ebenso intensive Verbindungen, also zur russischen und griechischen Kirche. Diese Beziehung steht unmittelbar vor einer vollständigen Vereinigung, die in Einzelheiten noch von den Synoden beraten und zu beschließen sein wird.

Wie viele koptischen Christen leben in Deutschland und wie ist das Verhältnis zu anderen Religionsgemeinschaften?

In Deutschland leben etwa 10 000 Kopten. Es gibt koptische Gemeinden in Berlin, Bitburg, Bremen, Düsseldorf, Frankfurt, Heidelberg, Hamburg, München und Stuttgart. Wir haben eine Klostergemeinschaft in Waldsolms-Kröffelbach bei Frankfurt am Main und hier in Brenkhausen an der Weser. Wir haben und pflegen sehr gute Beziehungen zu anderen Religionen und Konfessionen in diesem Land, auch zu den muslimischen Gemeinschaften.

Auch hier in Deutschland wirkt die koptische Kirche aktiv mit an der Ökumene der christlichen Kirchen und Konfessionen.

Gibt es spezielle Spannungsfelder, die die Kopten hier in Deutschland erleben?

Es gab eine Zeit, in der wir Gottesdienste unter Polizeischutz feiern mussten, da es eindeutige Drohungen im Internet gab, aber -Gott sei Dank- ist alles ohne Zwischenfälle verlaufen. Es gab Demonstrationen, als unser Papst Tawadros II am 22.12.2013 unser Kloster eingeweiht hat. Da haben Salafisten und Muslimbrüder bis 13 Uhr vor dem Kloster demonstriert.

Wir wären auch froh, wenn der deutsche Staat uns in gleichem Maße unterstützte, wie er dies mit den Muslimen in Deutschland tut. Nur ein Beispiel: Der Moscheebau in Duisburg wurde von deutschen staatlichen Stellen mit 3,2 Millionen Euro gefördert. Auch, dass die Muslime z.B. in Hessen als öffentlich-rechtliche Religionsgemeinschaft anerkannt sind, während wir uns immer noch mit dem Status des „eingetragenen Vereins“ abfinden müssen. Da wünschen wir uns durchaus etwas mehr entsprechende Gleichbehandlung.

Dass muslimische Aktivsten christliche Veranstaltungen nutzen, um dort den Koran zu verteilen, betrübt uns sehr, denn der umgekehrte Fall wird von den Muslimen wohl kaum toleriert werden.

Wie ist denn die Situation der koptischen Christen in Ägypten?

Es ist aktuell schon eine sehr empfindliche Situation, denn die koptischen Christen leben in ihrem Heimatland ohne Rechte und ohne Schutz. Auch die Opfer religiös motivierter Übergriffe haben keine Chance auf rechtliche oder tatsächliche Wiedergutmachung.

Wir hoffen aber, dass wir durch die neue Verfassung Gleichberechtigung und eine gleiche Behandlung wie unsere muslimischen Schwestern und Brüder erfahren. Wir haben große Hoffnungen, dass die Verfassungs- und Gesetzesreformen uns als Minderheit zugute kommen.

Wir sind in Ägypten eine Minderheit von etwa 20% der Bevölkerung. Die offiziellen, also „amtlichen“ Zahlen werden je nach politischem Bedarf mit sechs bis elf Prozent angegeben. Doch durch die Kirchenregistereintragungen kennen unsere Bischöfe ihre Schäfchen sehr gut und haben einen realistischen Überblick, der eben einen Bevölkerungsanteil von zwanzig Prozent bestätigt.

Ägypten: Der koptische Bischof Anba Damian berichtet über die Lage der koptischen Christen in ihrer Heimat und in Deutschland.

Woher kommen die heutigen Probleme zwischen den Religionsgemeinschaften Ihrer Meinung nach zustande?

Der Unfriede beginnt mit der Dominanz, mit der Überzeugung, der Rechtgläubige zu sein, und dass der Andere, der Andersgläubige gottlos, ein Knecht des Kreuzes sei.

Etwa die Hälfte der Ägypter sind Analphabeten. Somit erhält ein großer Teil der muslimischen Ägypter seine Informationen über die Scheichs, in den Moscheen. In vielen Moscheen werden die an sich sehr friedlichen Ägypter durch Hetzpredigten gegen die Christen, die als „Gottlose“, als „Ungläubige“, als die „Kreuzesknechte“ bezeichnet werden, eingenommen. Manche Freitagspredigt in der Moschee ist wie eine Kriegserklärung. Wenn die Predigt in einer Moschee auffordert, die „Ungläubigen“ zum Islam zu bekehren, zu bekämpfen, dann gehen insbesondere die analphabetischen Muslime auf uns los, denn sie haben ja kaum andere Informationen, als die aus der Moschee. Sie glauben, ein gottgefälliges Glaubenswerk zu tun, wenn Sie der Aufforderung ihrer Scheichs gehorsam folgen. Ich wünsche mir so sehr, dass wir zur Vernunft kommen und respektvoll und vertrauensvoll miteinander umgehen, das Anderssein, das Verschiedensein respektieren.

Was könnten denn die Gläubigen, egal welcher Religion, in Ägypten zur Entspannung beitragen?

Es muss bewusst werden, dass wir auf einem Fleck Erde miteinander leben. Wir brauchen einander, wir ergänzen einander, wir gehören zueinander. Freiheit muss so gelebt werden, dass die Freiheit der Mitmenschen nicht beeinträchtigt wird. Wir alle müssen die von Gott gegebene Freiheit genießen dürfen, unsere Religion, unsere Konfession frei wählen oder wechseln zu dürfen, ohne belohnt oder bestraft zu werden. Die Menschen müssen nach ihren Qualifikationen beurteilt werden, nicht nach Religion oder Konfession. Wenn wir das genau so tun, leben und leben lassen, dann werden wir alle in Frieden leben.

Wenn wir in unserem Land zu einem stabilen friedvollen Zusammenleben finden, wenn wir unsere Energien in der Betrachtung unserer gemeinsamen Geschichte und Kultur bündeln, dann wird Ägypten auch wieder Zuspruch in der westlichen Welt finden und die Menschen werden wieder zu uns kommen, nicht nur an unsere Strände, sondern auch zu unseren vielfältigen und weit zurückreichenden kulturellen Traditionen und Stätten.

Was tut Ihre Kirche für die Entspannung der Situation?

Die koptische Kirche engagiert sich sehr im sozialen Bereich. Wir betreiben viel offene Krankenhäuser und Kliniken. Wir bieten Programme zur Alphabetisierung an und sind Träger von christlich-muslimischen Schulen. Das Projekt „Die große Familie“ ist Basis für eine offene Diskussion nationaler Problematiken zwischen Muslimen und Christen.

Wen unterstützen Sie politisch und gegen wen sind Sie?

Die koptische Kirche in Ägypten wirkt nicht im politischen Sinne auf die Gläubigen ein. Die koptischen Christen können sich frei entscheiden, für wen, für was, für welche politischen Ziele sie sich einsetzen wollen.

Die koptische Kirche in Ägypten setzt sich gegen niemanden ein, sondern strebt nach Verbesserung der rechtlichen, der gesellschaftlichen Situation unserer Gemeindemitglieder und dem friedlichen, gedeihlichen Zusammenleben der Menschen in Ägypten.

Welche Rolle spielt der Westen (USA und Europa) bei dem innerpolitischen Konflikt in Ägypten?

Die Rolle der USA ist aus unserer Sicht, nach unserem Erleben zwiespältig. Nach dem Sturz Mubaraks haben sie die Sache der Muslimbrüder unterstützt, indem sie durch Hillary Clinton den Militärs mit Kürzung der finanziellen Unterstützung um drei Milliarden Dollar gedroht haben, falls diese sich gegen die Muslimbrüder stellen. So hat sich letztlich bei den Wahlen eine Mehrheit für die Muslimbrüder ergeben, obwohl das in der Realität nicht zutrifft. Ziel der amerikanischen Einflussnahme war es auch, mit der neuen, der Mursi-Regierung eine Vereinbarung zu treffen, fast die Hälfte der Sinaihalbinsel zu „pachten“, und dort ein Siedlungsgebiet für die Hamas, für die Palästinenser des Gazastreifens zu schaffen.

Europa hat leider keine einflussgebietende Meinung entwickelt. Und Deutschland hält sich in dieser Sache doch eher zurück. Bezeichnend dafür waren die Worte des Altkanzlers Gerhard Schröder: „Deutsche Politik wird in Berlin gemacht.“ Insbesondere die deutsche Wirtschaft zieht ihren Vorteil daraus, Waffen und Ausrüstungen in Krisengebiete an alle Konfliktparteien zu liefern.

Und die Rolle der Medien…

Die europäischen Medien berichten umfänglich und ausführlich über die Situation in Ägypten, von den Übergriffen auf uns und unsere Einrichtung, von den Überfällen und Brandstiftungen an unseren Kirchen. Al Jazeera hingegen hetzt die Muslimbrüder und Salafisten weiterhin auf.

Wie stehen Sie zum Dialog mit Muslimen?

Der Dialog zwischen Christen und Muslimen, überhaupt zwischen allen Religionsgruppen ist grade in diesem Zeitabschnitt der internationalen Wanderungsbewegungen wichtiger denn je.

Wir sind aktive Teilnehmer des ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg, der sich besonders dem Dialog zwischen Christen und Muslimen widmet, auch mit der Errichtung jüdisch-christlich-muslimischer Begegnungsstätten und Veranstaltungen. Ebenso pflegen wir aktiv die Beziehung zur islamischen Kommission.

Aktivitäten sind nicht nur die sehenswerten Fußballspiele zwischen Priestern und Imamen, sondern auch das gemeinsame Fastenbrechen oder Einrichtungen wie der Interkulturelle Dialog Darmstadt oder Pax Africana in Frankfurt.

In Ägypten sind kürzlich gegen mehr als fünfhundert Muslimbrüder Todesurteile ausgesprochen worden. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Wir Christen können nicht glücklich sein, wenn Menschen ermordet werden. Die Botschaft der Nächstenliebe fordert dazu auf, seine Feinde zu lieben. Also auch den Andersdenkenden, auch die Täter, auch die, die uns und anderen mit kriminellem Verhalten entgegenstehen.

Ideologien kann man nicht töten, indem man die Ideologen tötet. Und den Opfern ist damit auch nicht geholfen. Ich hoffe sehr, dass die Verantwortlichen sich selbst prüfen, dass sich für die Verurteilten eine andere Lösung auftut, wenn die Entscheidung des Muftis über die Urteile heransteht. Das große Leid kann nur gelindert werden durch Ausgleich und Versöhnung. Der Friede der ganzen ägyptischen Nation, des ganzen ägyptischen Volkes, der ganzen Region hängt davon ab, dass das Chaos ein Ende findet.

Bischof Damian, wir bedanken uns für Ihre Gastfreundschaft und für das Gespräch.

Das Gespräch führten Hamza Doğanay, Claudia Hinze und Walter Beumer im Koptischen Kloster in Höxter-Brenkhausen.

 

 

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.