Zerstörte Häuser in Aleppo

Aleppo steht derzeit im Brennpunkt des Syrien-Konflikts. Der chaldäisch-katholische Bischof Antoine Audo hat sein Heimatbistum in der belagerten Stadt, aus der mittlerweile fast zwei Drittel aller Christen und auch zehntausende Muslime geflüchtet sind. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht der Jesuit über die aktuelle Situation, seine Arbeit als Caritas-Präsident von Syrien und die Bedeutung von Syrien für das Treffen von Papst Franziskus und dem russischen Patriarchen Kyrill.

Herr Bischof, der Syrien-Konflikt spitzt sich gerade in und um Aleppo zu. Wie ist die aktuelle Lage vor Ort insbesondere für Christen?

Bischof Audo: Momentan gibt es in Aleppo zwei Realitäten. Zum einen greift die syrische Armee mit Hilfe von Russland die bewaffneten Gruppen an der türkischen Grenze an, um die geplante Unterstützung für Aleppo aus der Türkei zu kappen. Das bringt viele Menschen dazu, Aleppo Richtung Türkei zu verlassen. Die Medien sprechen von über 50.000 Personen, die momentan vor den Bomben flüchten. Zum anderen geht es um die Macht der Regierungstruppen in Aleppo. Um Rache zu üben, bombardieren bewaffnete Gruppen die Stadt. In den letzten zwei Tagen wurden in dieser Region viele Häuser von Christen zerstört.

Was können Sie vor Ort als Bischof und Caritas-Präsident
überhaupt noch an Hilfe leisten?

Audo: Die Situation ist miserabel. In Syrien ist mittlerweile jeder arm geworden. Unsere Pflicht als Caritas ist das Überleben der Menschen zu sichern: mit Essenspaketen, medizinischer Versorgung, Bildung und Unterstützung, vor allem für ältere Menschen, und Hilfe beim Wiederaufbau von Häusern. Das sind verschiedene Maßnahmen, um den Menschen das Überleben zu sichern. Und zwar nicht nur in Aleppo, sondern in ganz Syrien. Meine persönliche Vorstellung geht aber über diese Arbeit der Caritas hinaus: Wir müssen als Christen zusammenkommen und zusammenhalten. Nicht jeder in seiner Konfession, davon gibt es ja in Syrien viele. Nicht nur Orthodoxe oder Protestanten
unter sich. Wir müssen zusammenarbeiten, uns gemeinsam weiterentwickeln und den Menschen weiterhelfen. Bei dieser Arbeit dürfen wir die Muslime aber nicht ausgrenzen. Wir wollen mit den Muslimen zusammen als gleichberechtigte Bürger leben.

Glauben Sie, dass Berichte aus Aleppo Einfluss auf die jüngste
Vatikan-Diplomatie hatten? Spielte der Syrien-Konflikt eine Rolle für
das Zustandekommen des Treffens zwischen Papst Franziskus und dem
russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. vor einer Woche auf Kuba?

Audo: Ich glaube, dass dieses ökumenische Treffen seine Wurzeln in
der syrischen Realität hat, weil wir eine Mehrheit von orthodoxen
Christen in Syrien haben. Die Zusammenkunft ist für uns von
entscheidender Bedeutung. Ich glaube, dass Papst Franziskus die
Strategie verfolgt, Konflikte im Kleinen zu besprechen. Sein Handeln
gründet in der Realität. Er ist ja pragmatisch, und aus dieser
Realität heraus will er eine Botschaft an die ganze Welt senden.

Welche Hoffnungen haben Sie für eine Friedenslösung in Syrien?

Audo: Ich bin zuversichtlich, dass auf internationaler Ebene etwas
getan werden kann. Insbesondere zwischen den USA und Russland
herrscht ein Bestreben nach einer Friedenslösung. Das ist zumindest
mein Eindruck. Danach müssen wir auf regionaler Ebene handeln und
eine Lösung auf lokaler Ebene finden. Die Hilfe der internationalen
Gemeinschaft ist notwendig. Dann werden wir auch zu einer politischen
Lösung kommen. Eine militärische Lösung wird nicht funktionieren. (kna/dtj)