Schüler des Yamanlar Koleji in Izmir

KOLUMNE Eine zentrale Frage der Menschen in der islamischen Welt lautet:

Warum sind wir zurückgeblieben? Zurückgeblieben gegenüber dem Westen?

Diese Frage trat bei den Osmanen schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf. Bis dahin fühlte man sich den westlichen, christlichen Ländern gegenüber überlegen. Dann häuften sich die Niederlagen. Und sie fragten sich warum.

Darauf gab es zwei große Antworten:

Die einen, religiös Gefärbten meinten: Wir sind zurückgeblieben, weil wir unser Religion vernachlässigt, von dem Weg der Religion abgekommen sind. Gott hat uns dafür mit Unterentwicklung bestraft. Diese Linie zieht sich bis heute; sie zieht sich bis in die religiös-konservativen Kreise.

Die andere Meinung: Wir müssen es dem Westen gleich machen. Wir müssen ihn nachahmen. Dann werden wir auch so erfolgreich wie er.

Ich glaube weder das eine noch das andere – zumindest nicht uneingeschränkt. Es hat weniger mit dem Glauben als vielmehr mit dem tatsächlichen Verhalten, mit der Kultur zu tun.

Warum sind die Osmanen zurückgefallen?

Der britische Historiker Niall Ferguson gibt ein interessantes Beispiel in seinem Buch über den Aufstieg des Westens („Der Westen und der Rest der Welt. Geschichte vom Wettstreit der Kulturen“). Im Kapitel über Bildung behandelt er das Osmanische Reich. Er berichtet über einen osmanischen Astronomen, über den Universalgelehrten Takiyaddin al-Raschid und über seine Sternwarte in Istanbul.

Dann aber passiert etwas. Manche denunzieren ihn beim Sultan, es gibt Probleme. Schließlich wird die Sternwarte 1580 wieder abgerissen, auf Befehl des Sultans. Die Sternwarte besteht nur fünf Jahre – und es vergehen fast 300 Jahre, bis Istanbul wieder eine Sternwarte sieht.

Fehlende Kontinuität also. Was der eine aufbaut reißt der andere ab. Man legt sich selber Fesseln an.

Bildung in der Türkei – eine Dauerbaustelle

Und heute?

Das Thema Bildung und Ausbildung ist ein großes Thema – auch in der Türkei. Vergleicht man die OECD-Zahlen, so sieht man, dass die Türkei weit unter dem Durchschnitt der OECD-Länder liegt. Beim Thema Fremdsprachenkenntnisse bildet die Türkei in Europa zusammen mit dem Kosovo das Schlusslicht.

In einem solchen Land tritt jemand vor die Leute, sieht, dass die Muslime ein Problem mit Bildung haben und ermuntert die Leute, in Schulen, in Bildung zu investieren. Er heisst Fethullah Gülen. Das geht auch über längere Zeit gut, wird ein erfolgreiches Projekt.

Aber dann kommt Erdoğan.

Ein Mann und sein Hass

Erdoğan, ein Mann, dessen Hass vermutlich härter ist als Krupp-Stahl, sieht beim Stifter dieser Schulen einen Verräter, genauso wie er bei vielen Oppositionellen einen Verräter sieht, verhängt Sippenhaft und versucht nun diese Schulen zu schließen. Bisher flog er mit seinem Flugzeug von Kontinent zu Kontinent, von Land zu Land, von Afrika über Albanien bis nach Indonesien und versuchte, diese Schulen schließen zu lassen.

Nun lässt er in der Türkei gegen diese Schulen vorgehen. Es finden Razzien über Razzien statt. Während die Sicherheitskräfte der eskalierenden Gewalt Herr zu werden versuchen, suchen staatliche Beamte unter anderem in Schulen und Kindergarten nach Beweismaterialien. Beweismaterialien für Terror und Unterstützung des Terrors. Dabei reden wir über die erfolgreichsten Schulen der Türkei.

Auch in Deutschland gibt es Privatschulen. Auch andere europäische Länder haben konfessionelle und nicht-konfessionelle Schulen, im Inland wie im Ausland. Während diese aber kontinuierlich fortbestehen, kennt der Hass der AKP-Machthaber keine Grenzen, schont nichts, schreckt auch vor Kriminalisierung der Kindergärten nicht zurück und versucht etwas abzureißen, der zuvor von einem anderen aufgebaut wurde – wie man eben damals die Sternwarte dem Erdboden gleichmachte.

Parallelen zwischen Boko Haram, Taliban und AKP

In Afrika kämpft die Boko Haram gegen die moderne Bildung (der Name soll übersetzt ’Bücher sind verboten’ oder ’Westliche, moderne Bildung verboten’ heißen). Die Taliban lassen in Pakistan auf ein kleines Mädchen, auf Malala, schießen, nur weil sie sich ihrem Willen nach Verbot der Bildung für Mädchen nicht gebeugt hat. Und die AKP in der Türkei, die ihren Ursprung im politischen Islam hat, behandelt oppositionelle wie Verräter, verkauft Razzien in Kindergärten als einen Kampf gegen den Terror, sagt Schulen den Kampf an.

Boko Haram – Taliban – AKP. Wie traurig für eine Partei, die noch vor einigen Jahren den Anschluss an die Europäischen Union suchte, die als gutes Beispiel für eine gelungene Kombination zwischen Islam und Demokratie galt.

Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Die Frage, warum die Muslime zurückgeblieben sind, ist falsch gestellt. Die Frage müsste lauten: Warum bleiben die Muslime zurück? Denn, die Unterentwicklung ist nichts Abgeschlossenes, sie produziert sich immer wieder.

Das Beispiel der Schulen zeigt es. Leider.