britischer Aussenminister Boris Johnson und turkischer Prasident Recep Tayyip Erdogan

KOMMENTAR Manche Geschichten könnte sich eine Satire-Redaktion nicht besser ausdenken: Da fliegt Boris Johnson, der als Cheflautsprecher der Brexit-Befürworter sein Land aus der EU schleuderte, nach Ankara zu einem gemütlichen Tête-à-Tête mit dem türkischen Präsidenten, den er noch im Mai in einem Schmähgedicht als „Wichser“ bezeichnet hat. Und was hat er im Gepäck? Er sichert ihm zu, alles zu tun, damit die Türkei in die EU kommt. Denn: „Wir haben zwar die EU verlassen, aber nicht Europa.“ Aha.

Andererseits ergibt das Versprechen auch wieder Sinn. Schließlich bescheinigte Johnson der EU (ebenfalls im Mai) eine „massive demokratische Leere“. Und daran, dass sein Urteil über die Türkei Tayyip Erdoğans kaum besser ausfällt, ließ er bisher auch keine Zweifel aufkommen. Aus Johnsons Perspektive würde also zusammenwachsen, was zusammengehört.

Seine warmen Worte haben aber auch einen anderen, viel naheliegenderen Hintergrund:  Der „blondierte Orang-Utan“, wie ihn der Satiriker John Oliver dereinst nannte, setzt zur großen Charmeoffensive an. Man stehe „Schulter an Schulter mit Ankara“ und zeige sich angesichts des gescheiterten Putsches vom 15. Juli solidarisch mit der Regierung, sagte er nach einem Besuch des bombardierten türkischen Parlaments. Auch besuchte er das Vorzeige-Flüchtlingscamp Nizip nahe Gaziantep, durch das sich auch schon Angela Merkel führen ließ, und lobte die „beachtliche Arbeit“, die die Türken dort leisten.

Da syrische Flüchtlinge, die kaputte EU und der blutige Putsch jedoch nicht die besten Stimmungsmacher sind, muss es auch ein wenig menscheln, am besten bei der Wirtschaft, denn die ist ja das Rückgrat der britisch-türkischen Beziehungen. Das Vereinigte Königreich sei glücklich, einer der größten Abnehmer türkischer Waren zu sein, versicherte der einstige Berufspopulist, um direkt Details aus seinem Badezimmer hinterherzuschicken. Er sei nämlich „stolzer Besitzer einer wunderschönen, sehr gut funktionierenden türkischen Waschmaschine.“

Und was ist nun aus den Verstimmungen der Vergangenheit geworden? Wenn der türkische Präsident für eines nicht bekannt ist (und es gibt vieles, wofür er nicht gerade bekannt ist) dann, allzu nachsichtig mit seinen Kritikern zu sein. Entsprechend ist es auch besser, dass das vertrauliche Vier-Augen-Gespräch, das er mit Erdoğan geführt hat, hinter verschlossenen Türen stattfand. Denn auch wenn das gemeinsame Foto danach herzallerliebst ausfiel – wirklich neidisch wegen des Termins kann man wohl auf keinen der beiden Politiker sein.

Andererseits: Johnson staunte selbst nicht schlecht, dass seine wenig schmeichelhaften poetischen Ergüsse über Erdoğans vermeintliche Schwäche für Huftiere bisher kein Thema bei seinem Besuch waren – bis eine Journalistin danach fragte. Zumindest bei seinem Amtskollegen Mevlüt Çavuşoğlu scheinen seine Schmeicheleien aber zu verfangen, er nannte ihn „meinen Freund Boris“. Hat da etwa jemand diplomatische Kniffe bei seinem Chef abgeschaut? Der bezeichnete seinen russischen Bruder im Geiste ja auch erst kürzlich als seinen „Freund Wladimir“ – nachdem dieser ihm mit ein paar freundschaftlichen Sanktionen gezeigt hatte, wer am längeren Hebel sitzt. Also alles halb so wild, Kriegsbeil begraben?

Gut vorstellbar, zumal Boris ja auch noch ein Ass im Ärmel hat: familiäre Bande an den Bosporus. Sein Urgroßvater war niemand geringeres als Ali Kemal, einer der letzten Innenminister des Osmanischen Reiches. Gut, Ali Kemal hatte sich gegen den Unabhängigkeitskrieg Mustafa Kemals gestellt, wurde später öffentlich gelyncht und kopfüber an einem Bahntunnel aufgehängt. Boris Johnson existiert nur, weil Ali Kemals Sohn es schaffte, sich vorher nach Großbritannien abzusetzen. Egal, Osmane ist Osmane. Entsprechend stolz ist man auch mancherorts in der Türkei auf ihn.

Wie der europäische Ableger der viel gefeierten US-Zeitung Politico berichtet, wird Johnson im anatolischen Dorf Kalfat, aus dem Ali Kemal stammte, beinahe wie ein Held verehrt. Bürgermeister Adem Karaağaç hat angekündigt, man werde das gesamte Dorf auf Vordermann bringen und „zu Boris‘ Ehren viele Schafe opfern“, sollte er sich im Rahmen seiner Reise zu einem Besuch Kalfats hinreißen lassen.

Außerdem berichtet Karaağaç von der Enttäuschung unter den Dorfbewohnern, als Johnson nicht zu David Camerons Nachfolger als britischer Premierminister ernannt wurde: „Unser Boris war bereit, Premierminister zu werden.“ Aber nun könne er als Außenminister wenigstens noch etwas Erfahrung sammeln, bevor er das Amt übernimmt. Ihn „unseren Boris“ zu nennen ist dabei dem Bürgermeister zufolge nicht mal eine etwas übertriebene Vereinnahmung, denn: „Im Fernsehen ist mir aufgefallen, dass sein Verhalten und seine Bewegungen stark an die Bewohner unseres Dorfes erinnern. Wir sind ein kleines Dorf und viele der Leute hier sind um ein paar Ecken miteinander verwandt. Sogar meine Ehefrau ist entfernt mit ihm verwandt“, so der stolze Ortsvorsteher. Das ist vielleicht etwas dick aufgetragen, aber zumindest die gleiche Waschmaschine dürften sie haben.