In Sarajewo halten Demonstrante ein Plakat hoch:

Rauchende Autoreifen, Steine schmeißende Demonstranten und brennende Verwaltungsgebäude. Das sieht man in Bosnien-Herzegowina schon seit Wochen nicht mehr. Als sich am 7. Februar Bürger des Balkanstaates gegen ihre Regierung auflehnten, sahen einige Beobachter eine zweite Revolution neben der Ukraine an der europäischen Peripherie entflammen.

Die Umsturzbewegung in Kiew und die Krim-Krise überstrahlen die Bemühungen für einen Systemwechsel in Bosnien-Herzegowina. Doch die Motivation der wütenden Bürger ist nicht gesunken, die Wut auf das System nicht verschwunden und der Wunsch ein besseres Leben zu führen weiterhin existent.

Basisdemokratie statt Gewalt

Denn die lahmende Wirtschaft des Landes und die weit verbreitete Korruption sind auch ohne die mediale Aufmerksamkeit Grund zu Protesten. Die Bürger des Balkanstaates haben sich jedoch für eine Art des Protests entschieden. Für eine Demokratiebewegung von unten.

Basisdemokratische Abstimmungen, Diskussionen und friedliche Demonstrationen finden vielerorts, nicht nur in der Hauptstadt Sarajevo, weiterhin statt. Zu direktdemokratischen Plenen, wie sie seit mittlerweile drei Wochen im „Haus der Jugend“ in Sarajevo stattfinden, sind Vertreter politischer Parteien nicht zugelassen.

Stattdessen treffen sich dort weite Teile der Gesellschaft, vom Arbeiter über den Studenten bis zum Rentner sind alle Berufs- und Altersklassen vertreten. Die anarchischen Anfangszustände der Proteste sind überwunden, eine Revolution soll nun von unten vorangetrieben werden. Der Druck steigt.

Die Mittelschicht sitzt mit im Boot, wenn es um die Zukunft Bosnien-Herzegowinas geht. Revolutionsräte haben die Arbeit aufgenommen und versuchen die Forderungen der Bürger zu bündeln und in die politische Arena einzubringen. Hunderte Forderungen sind bereits eingegangen – auch über das Internet.

Nun sollen die Forderungen abgeglichen und gebündelt werden, erklärt eine der Organisatorinnen. Im Internet soll das Ergebnis in Kürze veröffentlicht werden. Dann soll eine Delegation des Volkes mit der Regierung über die Forderungen verhandeln.

In Tuzla und Sarajevo haben die Plenen bereits den Rücktritt der dortigen Kantonspräsidentenerreicht. In der Industriestadt Tuzla, wo die Demonstrationen begannen, wurde zudem die Abschaffung der „weißen Rente“ für Politik durchgesetzt. Diese gewährte Politikern nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt ein großzügiges Salär.

Konfessionelle Spaltlinien überwunden

Nationalismus habe in der aktuellen Lage nichts zu suchen. Zu oft sei der Staat durch die verschiedenen Ethnien und ihrer Regionalparlamente gelähmt worden, sagen Demonstranten in Sarajevo.

Nun gibt es Anzeichen, dass die konfessionellen Spaltlinien der bosnischen Gesellschaft tatsächlich keine Rolle mehr spielen. Bereits die teils gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten griffen schnell auf alle Landesteile über.

Eine Grenze zwischen den Ethnien und Konfessionen des Landes war zumindest bei diesen Protesten nicht auszumachen. Trotz der alten Wunde aus dem Bosnienkrieg und einer historischen Rivalität zwischen den Volksgruppen scheint das gemeinsame Ziel die Konfliktparteien zu vereinen. Eine Delegiertenkonferenz aller bosnischen Plenen wäre der richtige Schritt, um weitere Aktionen in ganz Bosnien zu beschließen.