Vor der Europawahl ist die Stimmung in Bulgarien spührbar angespannt. Die Parteien nutzen vor allem TV und Internet, um ihre Schimpftiraden zu verbreiten.

Die Liste der Schimpfwörter, mit denen die Politiker in Bulgarien um sich werfen, ist lang. Vor der Europawahl ist die Stimmung in Bulgarien spürbar angespannt. Die aus der kommunistischen Partei hervorgegangenen Sozialisten, die jetzt in Sofia regieren, werden vom Gegenlager als „rote Abfälle“ oder „Diebe“ beschimpft. Altkommunisten halten die Bürgerlichen für „Faschisten“. Für viele Sozialisten sind die Antikommunisten „blaue Abfälle“, die Demonstranten gegen die Regierung „Sorosoiden“ – ein neu geschaffenes, abwertendes Wort für Mitarbeiter der Stiftung des Milliardärs George Soros oder anderer westlicher NGOs.

In dem EU-Land stehen sich in vielen Bereichen zwei Lager gegenüber. Ihre Hass-Tiraden beherrschen sowohl die Politik als auch die Medien. Die gestresste Gesellschaft könne mit ihren Problemen nicht fertig werden und suche nach dem Schuldigen, analysiert der Literaturwissenschaftler Waleri Stefanow den ungehemmten Gebrauch von Hasswörtern und Beschimpfungen. Politiker seien dafür verantwortlich, dass das gesamte Sprachspektrum von „negativen Emotionen“ geprägt werde, erläuterte er jüngst im Fernsehkanal News7.

Schimpf-Phänomen: Tradition reicht in KP-Ära zurück

Vor der Europawahl nehmen die Beschimpfungen und Beleidigungen zu und schüren auch ethnische Spannungen. Mit Parolen wie etwa „Zigeuner zu Seife“ drücken Rechtsextremisten ihren Hass gegen Roma aus. Die Nationalisten bezeichnen den Angehörigen der türkischen Minderheit in dem Balkanland gewöhnlich als einen „Fes“ – nach der früher im Orient weit verbreiteten Kopfbedeckung für Männer. „Kannibalen“ und „Primaten“ nannte eine Parlamentarierin der nationalistischen Partei Ataka die syrischen Flüchtlinge im Lande.

Schon während der sozialistischen Ära gab es das Problem der Hetze. Der vor fast 25 Jahren abgesetzte Machthaber Todor Schiwkow verstand es, Teile der Bevölkerung gegeneinander aufzuhetzen und auszuspielen, um die Lage im Lande zu kontrollieren. „Stadt gegen Provinz“ und „Arbeiter gegen Intelligenz“ waren die von Schiwkow am schärfsten geschürten Gegensätze. Rivalitäten soll es nach Darstellung von Insidern sogar zwischen der Staatssicherheit und den Streitkräften gegeben haben. Im Fußball gilt auch heute noch „Blau gegen Rot“ im alten Wettstreit zwischen Lewski und ZSKA Sofia.

Experten: „Die Hasssprache verhindert Gewalt“

Die Hasssprache wird vor allem durch die Fernsehsender verbreitet. Aber auch das Internet entdecken die Parteien für sich. Von großen Parteien bezahlte „Kommentatoren“ – sogenannte Trolle – sprengen beliebte Internetforen mit persönlichen Angriffen gegen Politiker etwa wegen deren Intimleben.

Auch Journalisten sind Opfer. Ataka-Chef Wolen Siderow, selbst Journalist, beschimpfte eine Fernsehmoderatorin gar als „Prostituierte“. Seine Kollegen hält er für „Hyänen, Geier und Lakaien“.

Manche Experten sehen zumindest eine positive Seite des bulgarischen Schimpf-Phänomens. Die Menschen würden dadurch ihren Frust los und verzichteten auf Gewalt wie etwa bei den Protesten in der Ukraine. „Einziger Trost ist, dass die Hasssprache, so aggressiv sie auch sein mag, in den Medien verblieben ist (…) und nicht auf die Menschen übergegriffen hat“, meint der renommierte Medienexperte Georgi Losanow. (dpa/dtj)