Burkini, Burka, Ganzkörperbadeanzug, Schwimmen, Muslime, Islam

Und all das für ein Stück Stoff?

Man ist langsam der Debatte müde und wo man hinschaut, liest man von jedem, sei es aus muslimischer oder nichtmuslimischer Seite, dass diese Burka-Debatte weder einen sinnvollen Anfang hatte noch ein kluges Ende finden wird. Wenn man realistisch ist, bemerkt man, dass es sich hierbei um eine Scheindebatte handelt, die aufgrund von anti-muslimischen Ressentiments in der europäischen Bevölkerung geführt wird, und in der es eigentlich um Muslime und ihren Glauben, und nicht um ein Stück Stoff, geht. In Konsequenz fühlen sich die Muslime, insbesondere Musliminnen durch solche Diskussionen ausgegrenzt. Fakt ist, dass es in der Debatte um die Burka und den Burkini nicht um innere Sicherheit, Frauenrechte oder Religionsfreiheit geht, sondern darum, eine Religion zu diffamieren und gegen ihre Anhänger, insbesondere in diesem Fall Anhängerinnen, Stimmung zu machen.

Man könnte fast annehmen, dass dieses Stück Stoff eine Art „Kulturkampf“ zwischen dem so genannten liberalen Westen und dem konservativen Islam ist, jedoch ist diese Denkweise völlig fehlgegriffen, da der Ausgangspunkt und Urheber dieser Debatte völlig andere Initiatoren haben. Wenn es um die Burka geht, so muss man sich die Frage stellen, wie viele Frauen in Deutschland jenes Kleidungsstück überhaupt tragen, dass es der Debatte überhaupt seinen Namen gab. In jeder größeren Stadt gehören verschleierte Frauen zum Straßenbild. In der einen Stadt mehr als in der nächsten. Die meisten von ihnen tragen den Niqab, ein Kleidungsstück, welches auf der Arabischen Halbinsel und auch zunehmend in Nordafrika verbreitet ist. Wenn man inoffiziellen Angaben trauen möchte, dann gibt es schätzungsweise zwischen 600-900 Frauen in Deutschland, die sich mit dem Niqab kleiden. Im Vergleich zu den mittlerweile fast 5 Millionen in Deutschland lebenden Muslimen ist diese Zahl sehr gering. Die wenigen vollverschleierten Musliminnen in Deutschland sollten deshalb einen gerechten Umgang erhalten anstatt vorverurteilt zu werden.

Interessant ist die Antwort der Bundesregierung, als Ende vergangenen Jahres der Grünen-Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu ihr die Frage stellte, wie viele Burka-Trägerinnen es in Deutschland gäbe: Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse über die Anzahl von Burka-Trägerinnen in Deutschland vor. Des Weiteren fand ich heraus, dass der Islamwissenschaftler Andreas Ismail Mohr zu diesem Thema befragt wurde, und dieser darüber aufklärte, dass die Begrifflichkeit falsch verwendet würde. Der Schleier, über den diskutiert wird, werde in Afghanistan gar nicht Burka, sondern Tschadari (pers. Zelt) genannt, und der Begriff Burka (arab. burqu – Gesichtsschleier) sei „bis vor knapp zwei Jahrzehnten in unseren Medien praktisch unbekannt gewesen“. Es gibt viele Frauen mit afghanischer Herkunft und die meisten widersprechen dem Argument, die Burka würde aus religiösen Gründen getragen werden. Auch wenn natürlich nicht alle Frauen dieses Kleidungsstück freiwillig trügen, so sei es oft vielmehr aus Sicherheits- als aus Traditionsgründen. Die Frauen dort würden die Burka aus Angst vor Übergriffen, Belästigungen sowie Verlust ihres Rufes tragen. Hierzulande jedoch muss keine Frau aus diesen Gründen die Burka tragen, und ich habe bisher keine einzige Frau mit eben diesen Stück Stoff tragend in Deutschland gesehen.

Burkini hat nichts mit der Burka zu tun

Ganzkörperbadeanzüge hat es schon immer gegeben, quasi schon zu Kaisers Zeiten, und von Frauen wie auch Männern wurden sie getragen. Es war auch bei uns in Deutschland Sitte sich beim Baden dezent zu kleiden und sich nicht – überspitzt geschrieben – bis zur Unterbuchs zu entblößen. Allein deshalb ist es wichtig, dass wir erstens den Burkini historisch einordnen, und zweitens verstehen lernen, woher seine Bezeichnung überhaupt kommt. Da die obig genannten Ganzkörperbadeanzüge ihren Kult vor einem Jahrhundert oder länger hatten und durch die Bikini-Welle ins Abseits gedrängt worden war, muss man wissen, dass in den 1960ern und 70ern die Gastarbeiter und ihre Frauen nicht in Schwimmbäder gegangen sind, weil sie eine muslimisch-volksreligiöse Vorstellung von Sittlichkeit hatten, der es ihnen nicht erlaubte mit dem anderen Geschlecht – und wenig Stoff am Körper – baden zu gehen.

Die Bezeichnung des so genannten muslimischen Ganzkörperbadeanzugs „Burkini“ stammt von der Australierin Aheda Zanetti, die einen werbewirksamen Begriff erfinden wollte, und mittlerweile denkt, dass der Burkini politisiert worden ist. Sie selbst sagt, dass der Burkini für viele Musliminnen zum Symbol für die Freiheit geworden und die Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglicht habe. Zudem habe er den Musliminnen Selbstvertrauen in sich gegeben, dass Schwimmen und Sport nun fester Bestandteil ihres Lebens werden konnte. Fakt ist auch hier, dass der Burkini mit der Burka in seiner sozialen Funktion nichts miteinander zu tun hat. Außerdem sind Burkinis aus dem gleichen Material wie herkömmliche Badekleidung gemacht, so dass selbst das Argument mit der Hygiene-Verlässlichkeit nicht stimmen kann.

Der Burkini kann mit oder ohne Kopfbedeckung getragen werden. Es gibt viele Frauen, Musliminnen wie Nichtmusliminnen, die sich aus persönlichen wie auch gesundheitlichen Gründen mit längerer Bademode bekleiden möchten. In China sind Ganzkörperbadeanzüge sehr beliebt, weil eine helle Haut einen besonderen Stellenwert hat (im Vergleich zu unserem Statussymbol der Körperbräunung, sei es auf natürlichem Wege oder auf der Sonnenbank). Zum anderen gibt es auch Ganzkörperbadeanzüge für kleine Kinder, als Schutz vor UV-Strahlen, da Sonnenbrände bei Kindern die Gefahr von Krebs noch schneller erhöhen als bei Erwachsenen. Mein eigenes Kind trägt eine Badehose, ein Badeshirt mit Ärmeln und ein dazu passendes Cap, damit es ausreichend geschützt ist. Warum also sollten Frauen und auch Männer nicht einen solchen Ganzkörperbadeanzug tragen können, solange das Gesicht frei zu sehen ist?

Bikini und Burkini für mich

Es mag für den einen oder die andere merkwürdig und paradox klingen, aber: ich trage beides. Bikinis besitze ich weniger als eine Handvoll und meinen Burkini bastele ich mir aus einer langen, weiten Hose, einem längeren, langärmeligen Oberteil und einem Kopftuch zusammen. Bisher habe ich mit beiden Varianten keine Probleme gehabt, weder am Stand noch in Schwimm- oder Freibädern. Wahrscheinlich wäre ein „echter“ Burkini die hygienischere Variante, und ich sollte mir überlegen, ob ich mir nicht demnächst einen bestellen sollte, denn auch ohne Kopfbedeckung kann dieser getragen werden. Und Ramadan, der Fastenmonat für die Muslime, wird wiederkommen, denn in diesen vier Wochen trage ich nicht nur Kopftuch während des Tages, sondern bin beim Baden auch dementsprechend „bedeckt“.

Viele von uns „unsichtbaren“ Musliminnen wird es auch nicht einfach gemacht. Zwar werden wir nicht ad hoc stigmatisiert, wenn man uns in der Öffentlichkeit antrifft, aber lernt man uns besser kennen oder weiß, dass wir gläubige und vielleicht sogar praktizierende Musliminnen sind, kann es vorkommen, dass auch uns Abneigung und Ablehnung entgegenschlägt. Je aktiver sich die „unsichtbaren“ Musliminnen für den Glauben einsetzen, desto häufiger kann es vorkommen, dass sie den gleichen negativen Echos ausgesetzt sind, wie die Musliminnen, die sich in der Öffentlichkeit ohnehin schon sichtbar im Glauben zeigen.

Deshalb bin ich der Ansicht, dass es in dieser Debatte gar nicht um das Stück Stoff an sich handelt, sondern es nur ein Aufhänger dafür ist, Ressentiments am Islam und an den Muslimen offenzulegen. Es ist ein gegenwärtiger religiöser Rassismus, der von der Politik, insbesondere von den Rechten, jedoch leider auch von den alteingesessenen Parteien, unterstützt wird, aber den keiner wahrhaben möchte, obwohl er sich so offenkundig zeigt. Das heißt im Klartext für Menschen mit gesundem Verstand, dass man sich gegen diesen Rassismus wehren und dafür kämpfen muss, dass einem nicht nur diese Freiheit genommen wird, sondern auch die Religionsfreiheit nicht gekappt wird. (Foto: dpa)