Versöhnung über den Gräbern? Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan will zusammen mit seinem armenischen Amtskollegen Sergej Sarkisyan der Opfer einer Schlacht im Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren gedenken. Erdoğan habe Sarkisyan und rund hundert weitere Staats- und Regierungschefs für den April eingeladen, meldete die Zeitung „Milliyet“ am Freitag unter Berufung auf Regierungskreise.

Die Gedenkfeier soll am 24. April stattfinden, der auch den Jahrestag des Beginns jener Ereignisse des Jahres 1915 markiert, die in Armenien als „Genozid an den Armeniern“ bezeichnet werden.

Am Tag vor den Feiern in Çanakkale will die türkische Regierung in Istanbul einen „Friedensgipfel“ abhalten. An diesem Tag begeht die türkische Republik den 95. Jahrestag des erstmaligen Zusammentretens des türkischen Parlaments.

Während Präsident Erdoğan einen Einladungsbrief an seinen Amtskollegen Sarkisyan versandte, richtete auch Premierminister Ahmet Davutoğlu eine Einladung an Armeniens Regierungschef Howik Abrahamjan. „Wir haben in Çanakkale gemeinsam gekämpft. Daher haben wir die Einladung auch auf Sarkisyan ausgedehnt“, äußerte sich ein türkischer Regierungsoffizieller gegenüber „Hürriyet“.

Während die Kontroverse um die Bewertung dieser Ereignisse nach wie vor beide Länder trennt, wäre die Schlacht von Çanakkale ein verbindendes Element zum Gedenken. In dieser Schlacht, in der die Osmanen einen Angriff der Entente-Mächte auf die Meerenge der Dardanellen westlich von Istanbul abwehrten, hätten muslimische Türken und christliche Armenier gemeinsam in der osmanischen Armee gekämpft, begründet die türkische Regierung laut „Milliyet“ die Einladung an Sarkisyan.

Tatsächliches Erscheinen Sarkisyans in Çanakkale gilt als unwahrscheinlich

Ob der armenische Präsident die Einladung annimmt, wurde zunächst nicht bekannt. Hochrangige Kontakte und Besuche zwischen den beiden verfeindeten Nachbarstaaten Türkei und Armenien sind selten. Die beiden Länder unterhalten keine diplomatischen Beziehungen. Da Sarkisyan für den gleichen Tag bereits seinerseits zu einer Veranstaltung eingeladen hatte, gilt eine Teilnahme als unwahrscheinlich.

Bei Deportationen und Massakern gegen die armenische Minderheit des Osmanischen Reiches waren ab 1915 Hunderttausende Menschen getötet worden. Anders als Armenien und viele internationale Historiker wendet sich die Türkei dagegen, von einem Völkermord zu sprechen. Im Vorjahr hatte jedoch Präsident Erdoğan, damals noch als Premierminister, erstmals offiziell Anteilnahme mit dem Schicksal der betroffenen Armenier geäußert. (KNA/dtj)