Chancen kultureller Vielfalt erkennen und nutzen

GASTKOMMENTAR Ein akuter, branchenübergreifender Fachkräftemangel als Folge des demografischen Wandels erscheint in den Augen vieler Beobachter immer noch bestenfalls als ein Zukunftsszenario. Doch die Anzeichen mehren sich, dass für viele Unternehmen die Rekrutierung von Fachkräften bereits jetzt eine zentrale Herausforderung ist. Diesen Eindruck belegt auch ein Vergleich der Ergebnisse der TNS Infratest-Studien „Weiterbildungstrends in Deutschland” der letzten drei Jahre. Die Studien beruhen jeweils auf einer Befragung von ca. 300 für den Personalbereich (HR) Verantwortlichen in deutschen Unternehmen, die TNS Infratest jährlich im Auftrag der Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD) durchführt. 

Während 2011 und 2012 noch lediglich 55 Prozent der HR-Manager angegeben hatten, dass ihr Unternehmen „moderat bis sehr stark“ vom Fachkräftemangel betroffen sei, waren es im Rahmen der aktuellen Umfrage bereits 68 Prozent. Und auch wenn größere Unternehmen mit 500 oder mehr Beschäftigten am häufigsten über Probleme bei Stellenbesetzungen berichteten, sind nichtsdestotrotz ebenso kleine und mittlere Unternehmen mit Rekrutierungsproblemen konfrontiert. Das Thema Fachkräftemangel hat also längst den Mittelstand erreicht – und damit das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, das für rund 80 Prozent der Arbeitsplätze im Inland verantwortlich ist.

Zudem ist das Phänomen auf keinen bestimmten Qualifikationsbereich begrenzt. Zwar sei es am schwierigsten, geeignete Fachkräfte und Sachbearbeiter zu finden, so die Studie. Doch auch bei Führungskräften auf der mittleren Managementebene und Spezialisten mit akademischem Abschluss hätten Unternehmen Schwierigkeiten bei der Besetzung neuer Stellen, ebenso wie bei angelernten Facharbeitern mit Berufserfahrung sowie Top-Führungskräften.

Zuwanderung ebenso wichtig wie Nutzung bestehender Potenziale

Die SGD rät engagierten Berufstätigen deswegen, „den Fachkräftemangel als Karrierechance zu nutzen.“ Das sei der richtige Ansatz. In Deutschland werde es zusehends weniger Berufsperspektiven für Geringqualifizierte geben. Der Bedarf nach mittel- und hochqualifizierten Fachkräften werde hingegen im Zuge des demografischen Wandels weiter steigen. Bildung müsse deshalb im Zentrum unserer Anstrengungen stehen, der Herausforderung des Fachkräftemangels zu begegnen.

Doch die Weiterbildung von Arbeitnehmern allein wird nicht reichen. Neben vermehrter Zuwanderung qualifizierter Kräfte muss es unser übergeordnetes Anliegen sein, die in Deutschland vorhandenen Ressourcen besser wahrzunehmen und zu nutzen. Und ganz vorne stehen hier Migrantinnen und Migranten. Derzeit hat laut Statistischem Bundesamt etwa ein Fünftel der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Doch dieser Anteil wird, auch jenseits der Zuwanderung, auf Grund der demografischen Entwicklung kontinuierlich steigen. So haben bereits 35 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund. Zum Vergleich: Bei den 85- bis 95-Jährigen liegt der Anteil noch bei unter 6 Prozent. In vielen deutschen Großstädten sind die zukünftigen Trends bereits heute Realität. So stellen beispielsweise in Stuttgart Migranten derzeit schon 40 Prozent der Bevölkerung.

Im Schnitt erreichen Migrantinnen und Migranten in Deutschland ein signifikant niedrigeres Bildungs- und Qualifikationsniveau als Menschen ohne Migrationshintergrund. Insbesondere junge Migranten haben oft Schwierigkeiten beim Schritt von der Schule in eine berufliche Ausbildung. Zudem sind Migranten deutlich häufiger arbeitslos als die Gesamtbevölkerung. Das muss sich ändern, wenn wir die in der deutschen Gesellschaft vorhandenen Potenziale besser nutzen und dem Fachkräftemangel offensiv begegnen wollen.

Damit dies gelingen kann, ist es jedoch unumgänglich, Abstand zu nehmen von der nach wie vor oft anzutreffenden, defizitorientierten Sichtweise auf Fragen von Migration und Integration. Stattdessen sollten wir vielmehr die Vorteile und Chancen kultureller Vielfalt erkennen und gezielt einsetzen. Schließlich ist es in einer globalisierten Welt entscheidend, dass man internationale Netzwerke an Kontakten und Partnerschaften unterhält und ausbaut, insbesondere als Exportnation. Migranten können hierbei aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit, ihrer Versiertheit in verschiedenen Kulturen sowie ihrer Kontakte in die jeweiligen Herkunftsländer eine entscheidende Rolle als Mittler und Brückenbauer spielen. Diese Chancen gilt es besser wahrzunehmen und gezielt zu fördern.

Ausbildungsanteil bei migrantengeführten Unternehmen erhöhen

Der Bundesverband der Unternehmervereinigungen (BUV) setzt sich hierfür mit konkreten Schritten und Initiativen ein. So hat diese vor allem innerhalb der Migrantencommunity bedeutende Institution im vergangenen Dezember gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung einen Expertenworkshop zum Thema „Erfolg starten: Berufseinstiege Jugendlicher mit Zuwanderungsgeschichte und der Wert kultureller Vielfalt“ organisiert. Im Rahmen der Veranstaltung konnten verschiedene Lösungsansätze erarbeitet werden, wie Jugendlichen der zweiten und dritten Zuwanderergeneration der Einstieg in eine Ausbildung und der Übergang in den Arbeitsmarkt erfolgreich gelingen kann. Ein Ansatz hierbei ist es, den Ausbildungsanteil unter den von Migranten geführten Unternehmen zu erhöhen. Genau dies ist auch integraler Bestandteil des Projektes „Partnerschaft für Ausbildung, Beschäftigung und Integration (PABI)“, das von drei unserer Mitgliedsverbände in Berlin, Mannheim und Köln durchgeführt wird. Neben der Aktivierung migrantischer Unternehmen setzt PABI darauf, Jugendliche gezielt anzusprechen, zu beraten und sie passgenau an ausbildende Unternehmen zu vermitteln.

Schließlich setzt sich der BUV auch insbesondere dafür ein, die beruflichen Potenziale von Migrantinnen hervorzuheben und zu fördern. So haben wir im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem türkisch-europäischen Dachverband UNITEE im Europäischen Parlament in Brüssel eine Konferenz zum Thema „Strengthening Women’s Business Leadership in the EU: A focus on Women from a Migrant Background” organisiert. Die Veranstaltung konnte wichtige Impulse setzen, um die Potenziale von Frauen in der Berufswelt besser zur Geltung kommen zu lassen.

Nach wie vor werden die Potenziale von Migrantinnen und Migranten zu selten wahrgenommen und unzureichend gefördert. Der zunehmende Fachkräftemangel und die Herausforderungen des demografischen Wandels sollten nun Anlass für ein Umdenken und die bessere Wahrnehmung und gezielte Förderung der Chancen kultureller Vielfalt sein.

Autoreninfo: Önder Kurt ist Generalsektretär des in Berlin ansässigen Bundesverbands der Unternehmervereinigungen e.V.