Mit Beiträgen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ haben sich mehrere Autoren gegen den öffentlichen Bekenntniszwang ausgesprochen, der aus ihrer Sicht aus der Solidaritätskampagne „Je suis Charlie“ spricht, die infolge des Terroranschlages auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ durch die sozialen Netzwerke ging.

In der Ausgabe vom Samstag warnte Tomáš Halík, Professor an der Karlsuniversität Prag, Schriftsteller und Hochschulpfarrer, davor, die „Verantwortungslosigkeit“, für die Charlie Hebdo seiner Überzeugung nach stehe, als „eine des Feierns und des allgemeinen Beifalls würdige Tugend“ darzustellen.

„Ich protestiere nicht gegen die Existenz der Zeitschrift, ich erlaube mir nur zu denken, dass die Existenz solcher Zeitschriften vielmehr der Preis für die Freiheit ist als die Galionsfigur der freien Kultur“, betont Halík (Foto). Er gibt jedoch auch zu bedenken: „Zur freien Kultur gehört zwar auch ein Raum für Dekadentes, Geschmackloses und billig Provokatives, aber wenn man die Freiheit gegen Gewalt und Hass verteidigt, sollte man sich doch vor dem anderen Extrem hüten, nämlich davor, das Dekadente und Zynische als heiliges Sinnbild unserer Kultur und Freiheit zu feiern: Zu Freiheit gehört Verantwortung.“

Halík kritisierte weiter eine „intolerante Religion des Atheismus“, zu der das Prinzip der „Laizität“ in Teilen des Westens, insbesondere in Frankreich, geworden sei, und wandte sich gegen die verbreitete Vorstellung, die Terroristen und IS-Anhänger, die im Namen des Islam auftreten, wären Menschen, die ihre Religion allzu ernst nähmen.

Charlie Hebdo „keine Helden unserer Kultur“

„In Wirklichkeit sind das zumeist Menschen, die aus dem Koran nur ein paar herausgerissene Zitate und nichts weiter kennen, von der islamischen Kultur und Theologie nicht die geringste Ahnung haben und die ethischen Gebote des Islam, wie zum Beispiel Alkohol- und Drogenkonsumverbot sowie das Töten Unschuldiger, völlig ignorieren“, so Halík. „Bin Laden wuchs viel mehr mit amerikanischen Actionfilmen als mit dem Koran auf. An der Wiege des heutigen Fanatismus steht nicht der Islam als Religion, sondern vielfache Probleme, das Gefühl der Entwurzelung, des Nichtaufgenommenseins durch die Umwelt, das Bedürfnis, die eigene Frustration durch Aggression zu kompensieren und den Feind zu enthüllen.“

Für ihn, so Halík, seien die „Helden unserer Kultur“ nicht die Journalisten der Charlie Hebdo, sondern vielmehr der junge Polizist Ahmed, der „sein Leben für jene hingegeben hat, die seine Kultur verletzten“.

Ebenfalls am Samstag äußerte sich auch Politikredakteur Rainer Hermann in der gleichen Zeitung und sprach sich für einen Schutz der Werte, die Muslimen heilig sind, aus, um den öffentlichen Frieden zu bewahren.

Selbstbeschränkung und Respekt sind keine Schwächen

Dabei verwies Hermann auf Papst Franziskus, der ebenfalls den Terroranschlag scharf verurteilte, aber auch an eine „Grundweisheit“ des zwischenmenschlichen Umgangs erinnerte: „Wer beleidigt, was anderen heilig ist, wer also bewusst und geschmacklos provoziert, der muss eben mit entsprechenden Reaktionen rechnen.“ So wie der mit seiner Faust rechnen müsse, der seine Mutter beleidige.

Der Staat sichere zwar Freiheiten, er könne den verantwortlichen Umgang mit ihnen aber nicht sanktionierend einfordern. Es liege daher an den Menschen, mit diesen Freiheiten verantwortlich umzugehen und Respekt voreinander zu zeigen. „Man muss die Gefühle der anderen ja nicht teilen, sollte sie aber respektieren. Daher ergeben sich Selbstbeschränkungen und Grenzen – so wie ja auch nicht alles erlaubt ist, was technisch möglich ist“, so Hermann.

Und er sieht eine Veränderung auf Westeuropa zukommen: „Je mehr in Westeuropa die Kirchen an Bedeutung verloren haben, desto irrelevanter wurde das Delikt der Beschimpfung der Religion. Das verändert sich wieder, weil die Muslime darauf bestehen, die Ehre Allahs und ihres Propheten zu schützen. Will eine pluralistische Gesellschaft den öffentlichen Frieden bewahren, kommt der Staat nicht daran vorbei, die Werte, die etwa diesen Muslimen heilig sind, zu schützen, ohne sich damit mit ihnen zu identifizieren.“