Die CHP entdeckt den Fastenmonat Ramadan

Die wichtigste Oppositionspartei der Türkei, die Republikanische Volkspartei (CHP), die seit der Gründung der Republik eine höchst angespannte Beziehung zur Religion und zu frommen Menschen in der Türkei hatte, zeigt erstmals Anzeichen eines Umdenkens. Zum einen organisiert die Partei seit zwei Jahren selbst Festmahle zum Fastenbrechen (Iftar), welche Menschen und religiöse Führer aus unterschiedlichen sozialen Schichten zusammenbringt, gleichzeitig bieten einige Parteiverbände in Istanbul den Anwohnern ein kostenloses Fastenbrechen an. Viele sehen dies als Anzeichen für eine Änderung der Einstellung der CHP gegenüber religiösen Werten und Ritualen und als Zeichen der Versöhnung der Partei mit der Religion.

Ergün Yıldırım von Yeni Şafak geht auf das Thema der 12 CHP-Verbände, welche mittlerweile gemeinschaftliches Fastenbrechen organisieren, näher ein und bringt sein Erstaunen über die säkularen Frauen zum Ausdruck, die zum Iftar mit lächelnden Gesichtern Abendessen servieren. Er vergisst nicht zu erwähnen, dass diese Gemeinden ebenfalls Touren zu den Gräbern von religiösen Persönlichkeiten und zu Moscheen in Istanbul – wie zum Beispiel zum Yuşa-Hügel, zur Blauen Moschee, zum Galip-Dede-Grab und zum Merkez-Efendi-Grab – organisieren. „Säkulare Elite-Bezirke in Istanbul erleben – vielleicht zum ersten Mal – das Gefühl von Ramadan und dessen Atmosphäre sehr intensiv. Das Fasten verwandelt sich im Leben dieser sonst so areligiösen Kreise in ein wahres, soziales Phänomen. Über die Religion erleben sie, wie es ist, einander zu helfen und ein Gast am Tisch des anderen zu sein“, erklärt Yıldırım.

„Zeiten ändern dich“…?

Der Kolumnist wirft die Frage auf, ob dies tatsächlich Anzeichen einer Einstellungsänderung der Partei ist und fragt, ob die CHP konservativer wird oder ob sie nur versucht, zu erkunden, wie man mit der Regierungspartei AKP vor den Kommunalwahlen im nächsten Jahr erfolgreich konkurrieren könnte. Er sagt, dass beides möglich wäre. Doch gibt es dabei eine unveränderliche Realität, nämlich dass es einen eindeutigen Grund gibt, warum die elitären und standhaft säkularen Kreise sich nun auch an der Soziologe des Fastens beteiligt haben. „Für die CHP ist es wichtig, auch diese Tatsache im Lichte des politischen Pragmatismus zu beurteilen“, so Yıldırım.

Fehmi Koru, ein Starjournalist, der an einem Iftar-Essen der CHP am Freitagabend teilgenommen hat, zu dem religiöse Persönlichkeiten, Intellektuelle und einige Journalisten zusammengekommen waren, erklärt, dass die Partei diese Iftar-Abendessen organisiert hat, um mehr Menschen zu erreichen und ihre traditionelle Basis zu erweitern. Angesichts der Tatsache, dass CHP-Führer Kemal Kılıçdaroğlu im Rahmen dieses Iftar-Essens auch interessante Botschaften über die Ungerechtigkeit des Kopftuchverbots oder der Verweigerung preisreduzierter Fahrkarten für die Koran-Kurs-Schüler von sich gegeben hat und seine Bemerkungen über die alevitischen und sunnitischen Glaubensrichtungen aufhorchen ließen, könnte dies – Korus Meinung nach – als ein Zeichen der Erneuerung der CHP interpretiert werden. Man müsse sehen, wie sich die CHP nach dem Fastenmonat verhalte, um eine fundierte Aussage treffen zu können, so Koru.