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Kultur/Religion

Christlich-muslimisches Oratorium: „Ein Aha-Erlebnis war, dass Jesus überhaupt im Koran vorkommt“

Bachs Weihnachtsoratorium hat in diesen Tagen Hochkonjunktur. Doch jetzt wird ein Werk uraufgeführt, das die Geburt Jesu aus christlicher wie muslimischer Sicht schildert. (Foto: undersprach.de)

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Weihnachten steht vor der Tür, und längst nicht nur Christen freuen sich auf den Geburtstag des Christkinds. Was einigen nicht bekannt ist: Auch im Koran wird die Geburt Jesu geschildert – allerdings nicht in der Krippe, sondern unter einer Palme. „Viele wissen nicht, dass wir Muslime auch an Jesus glauben – als Prophet“, sagt der deutsch-türkische Komponist Betin Güneş. Zusammen mit dem Leverkusener Pfarrer Detlev Prößdorf entwickelte er 2013 die Idee eines christlich-muslimischen Oratoriums. Das Ergebnis „Und er sprach…“ wird am Samstag in der Christuskirche Leverkusen uraufgeführt.

Bei dem rund zweistündigen Werk erlebt das Publikum die Weihnachtsgeschichte aus christlicher wie aus muslimischer Perspektive. Zu hören sind die Teile eins bis drei von Bachs Weihnachtsoratorium sowie Kompositionen von Güneş zur 19. Koransure. Die Übertragung der Sure „Maryam“ stammt von dem Frankfurter Islamwissenschaftler Hureyre Kam. An der Vorbereitung seien zudem weitere christliche und muslimische Wissenschaftler beteiligt gewesen, darunter der katholische Theologe Klaus von Stosch, Leiter des Zentrums für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften in Paderborn.

Religionen musikalisch zusammenbringen

Im Koran ist Jesus unter dem Namen „Isa Ben Maryam“ bekannt, also als „Sohn von Maria“, und gilt als Prophet, nicht als Sohn Gottes. Doch genau wie in der Bibel wird Maria die bevorstehende Schwangerschaft von Engeln verkündet, ebenfalls als Jungfrauengeburt. Die Niederkunft findet unter einer Palme statt, an deren Datteln sich die von Wehen geplagte Maria laben kann. Ein weiterer Unterschied: Als die junge Mutter auf die Umstände der Zeugung angesprochen wird, weist sie auf das Kind. So antwortet der neugeborene Jesus/Isa: „Ich bin ein Diener Gottes; er gab mir die Schrift und machte mich zum Propheten.“ Daher der Titel des Oratoriums „Und er sprach…“.

„Ich bin Komponist, ich probiere immer, mit Noten die Welt ein bisschen zu heilen“, unterstreicht Güneş, der seit 1990 in Deutschland lebt. Mit dem Oratorium wolle er Vorurteile abbauen und Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen und Christen aufzeigen. Für das Werk habe er mehrere Intermezzi und Fugen komponiert, „da wissen die Zuhörer sicher nicht, ist das jetzt Bach oder Güneş!“, so der 58-Jährige. „Wenn ich diesen Übergang musikalisch schaffe, gelingt es vielleicht auch, Menschen verschiedener Religionen zusammenzubringen.“

Oratorium wird vielleicht auch in Moschee aufgeführt

120 Musiker proben dafür seit Monaten: das Turkish Chamber Orchestra unter Leitung von Güneş sowie die Kantorei der Friedenskirche und der Dionysius-Chor Krefeld. „Manche Stücke klingen etwas orientalisch, sind aber sehr gut hörbar für unsere Ohren“, meint Beatrix Schepke, Vorsitzende des Dionysius-Chors. Es habe sehr viel Freude gemacht, die ungewöhnliche Komposition einzustudieren und sich mit dem Thema zu beschäftigen. „Ein Aha-Erlebnis war für mich, dass Jesus überhaupt im Koran vorkommt, und vor allem, dass er unter einer Palme geboren wurde“, sagt die Chorsängerin. Ähnliche Aha-Erlebnisse dürfte auch das Publikum haben, ist sie überzeugt.

Bis jetzt stehen Aufführungen in zwei evangelischen Kirchen in Leverkusen und Krefeld und in zwei katholischen Kirchen in Bonn und Köln fest. „Mir wäre es wichtig, dass das Oratorium auch in einer Moschee aufgeführt wird“, sagt Güneş. „Die DITIB-Moschee in Duisburg-Marxloh hat schon Interesse angemeldet“, freut sich der Künstler. „Vielleicht kann ich einige kleine Türchen öffnen, es ist ja Adventszeit.“ (kna/dtj)