Seit 1964 sendet „Köln Radyosu“ in türkischer Sprache für die in Deutschland lebenden Türkeistämmigen. Insgesamt acht Stunden pro Woche können sich Deutsch-Türken in NRW über aktuelle Geschehnisse in ihrem Heimatland, aber auch in Deutschland in türkischer Sprache anhören. Türkische Musik als Begleitung gehört zum Standardrepertoire. Jeder Interessierte kann anrufen und mit Studiogästen bzw. Moderatoren diskutieren. Die türkische Meinungsvielfalt kommt bei diesen Gesprächen besonders zum Vorschein.

Für die ersten türkischen Gastarbeiter galt der Sender als erste Verbindungsinstanz ins Heimatland. Für jene Gastarbeiter war Köln Radyosu in einer Zeit, in der es noch keine Satelliten und Sendungen aus der türkischen Heimat gab, ein Medium, durch den sie sich über Aktuelles aus der Heimat informieren konnten. Deshalb ist der Radiosender für viele ein Stück Kulturgut, ein Stück Familie.

Caner Aver erinnert sich an die Familienabende vor dem Radio

Auch Caner Aver erinnert sich noch an die Tage, an denen er mit seiner Familie abends vor dem Radio saß und den Sender einschaltete: „Neben Zeitungen war es war damals die einzige Nachrichtenquelle aus der Heimat, die allabendlich zu Hause im laut aufgedrehten Radio mit der gesamten Familie gehört wurde“, sagt der heute 40-jährige. Der Politikwissenschaftler vom Zentrum für Türkeistudien in Essen erinnert sich nicht nur an diese Radio-Abende. Noch heute habe er sogar den Namen des Sozialexperten, der knapp 8000 telefonische Anfragen und über 15 000 Hörerbriefe beantwortete, immer noch im Ohr.

Nun will der WDR allerdings diesen „Teil der Familie“ streichen – nahezu gänzlich. Im Rahmen der Sparmaßnahmen soll die Sendezeit nunmehr auf 2,5 Stunden pro Woche gekürzt werden.

Das Ziel sei es, „trotz sinkender finanzieller und personeller Ressourcen, ein weiterhin ansprechendes Programm zu gestalten, das den öffentlich-rechtlichen Qualitäts- und Vielfaltsanforderungen gerecht wird“, heißt es von Seiten Funkhaus Europa. Die Sprachensendungen seien zurzeit noch klassische Einschaltprogramme, was „nicht mehr zeitgemäß“ sei. Bis 22 Uhr warten zu müssen sei unkomfortabel. Der WDR will im Rahmen der Sparmaßnahmen und einer neuen Strategie ab 18 Uhr alle Sprachensendungen parallel online first streamen und im Anschluss on demand online zugänglich machen. In sozialen Netzwerken soll jede Sprache einen eigenen Kanal erhalten. Ab 20 Uhr sollen die Sendungen dann im linearen Programm via UKW ausgestrahlt werden.

Petition gestartet

Für Aver ist das nicht verständlich. Er ist gegen eine solche Kürzung: „50 Jahre später ist sein Platz in der deutschtürkischen Lebenswelt wichtiger geworden“, sagt er über Köln Radyosu. „Noch immer höre ich es gerne und erhalte Informationen sowohl aus der Türkei als auch aus Deutschland, die ich sonst nicht bekomme.“

Aver ist damit nicht allein. Viele aus der ersten und zweiten Generation Türkeistämmiger verlieren mit dieser Kürzung ein Familienmitglied. In sozialen Netzwerken sprechen die meisten Hörer sich gegen eine Kürzung aus. Damit gehe ein Stück Kulturgut verloren, sagt eine Nutzerin. Serdar Ablak findet es ebenfalls schade, dass „so ein alteingesessenes Programm unter den Rotstift kommt“. Er höre „Köln Radyosu“ vor allem an Wochenenden sehr gern, sagt er. So auch Sevgi Demirkaya, die versucht, gegen die Kürzung vorzugehen. Über Change.org startete sie eine Online-Petition (hier geht es zur Petition). Die Zuhörer des Senders würden GEZ-Beiträge zahlen und hätten demnach ein Recht auf mindestens eine Stunde Sendung, so Demirkaya. Ausgerechnet heute könne und dürfe man an Vielfalt nicht sparen.

Star-Kabarettist und -Komiker Fatih Çevikkollu sieht das ähnlich und unterstützt das Anliegen: