Dankeschön Deutschland, Dankeschön Türkei!

Vor einigen Tagen fand der Internationale Tag der Muttersprache statt. Grund genug für mich, über „meine“ Muttersprache nachzudenken und über die Frage: Was bedeutet überhaupt Muttersprache?

Also google ich im Internet und stoße auf eine Definition bei Wikipedia. Aus dieser leite ich drei Voraussetzungen ab:

1. Muttersprache ist die in der Kindheit ohne formalen Unterricht erlernte Sprache, die Erstsprache.
2. Diese prägt sich in ihrer Lautgestalt und grammatischen Struktur so tief ein, dass Sprecher ihrer Muttersprache sie weitgehend automatisiert beherrschen.
3. Im Allgemeinen kann etwa ab der Pubertät keine andere Sprache mehr an diesen Platz treten.

Nach dieser Begriffsbestimmung zweifele ich, ob ich überhaupt „eine“ Muttersprache habe. Wunderbar! So kompliziert habe ich es mir eigentlich nicht gedacht. Graue Zellen werden nun in meinem Gehirn aktiviert. Selbstreflexion ist angesagt.

Bevor ich mich auf die Suche nach meiner Muttersprache mache, richte ich mein Augenmerk auf meine Eltern.

Meine Eltern gehören zur ersten Generation der Arbeitsmigranten in Deutschland. Sie kommen aus der Türkei, auch ihre Eltern stammen aus diesem Land. Die Muttersprache meiner Mutter und meines Vaters ist Türkisch. Ihre Kindheit verbrachten sie in der Türkei und unter nur Türkisch sprechenden Landsleuten. Die erste Voraussetzung meiner Definition erfüllen sie somit nicht. Die zweite Voraussetzung erfüllen sie übrigens auch nicht, die deutsche Sprache beherrschen sie nicht automatisiert. Laut meiner Definition ist Deutsch ihre Fremdsprache.

Starre Zuordnung nicht machbar…

Ich, Mitglied der zweiten Generation der Migranten in Deutschland, bin in Deutschland geboren. Meine Eltern kommunizieren seit meiner Geburt nur Türkisch mit mir. Deutsch habe ich erst auf der Grundschule durch formalen Unterricht gelernt. Also erfülle ich die erste Voraussetzung der obigen Definition ebenfalls nicht. Fazit: Türkisch Muttersprache, aber Deutsch nicht.

Ich gebe mich nicht zufrieden und geschlagen. Denn die zweite Voraussetzung erfülle ich. Die deutsche Sprache hat sich in ihrer Lautgestalt und grammatikalischen Struktur so tief eingeprägt, dass ich die Sprache weitgehend automatisiert beherrsche. Ich rede akzentfrei und zum größten Teil ohne grammatikalische Fehler.

Die dritte Voraussetzung ist ebenfalls zu bejahen. Seit meiner Pubertät nahm neben dem Türkischen und Deutschen keine weitere Sprache in meinem Sprachgebrauch mehr einen prägenden Platz ein.

Nach meiner obigen Definition ist Deutsch nicht meine Erstsprache, doch hat sich die deutsche Sprache in meinen Sprachschatz dermaßen integriert, dass ich auch unbewusst deutsch denken, reden und träumen kann. Die deutsche Sprache schaltet sich automatisch ein, so wie ein Reflex.

Nach meiner Definition ist somit die deutsche Sprache nicht als meine Muttersprache zu qualifizieren. Auch ist sie keine Vatersprache. Umgangssprache schon gar nicht. Umgebungssprache vermittelt mir das Gefühl, dass sie in der Umgebung vorhanden wäre, aber nicht in mir. Dabei ist meine deutsche Sprache aber gerade ein Teil von mir. Deutsch als meine Bildungssprache ist mir ebenfalls zu unpersönlich und würde sich nur auf Bildungsebene und nicht vollumfänglich auf meine Persönlichkeit beziehen. Deutsch als Landessprache liegt mir auch ferne. Denn auch in anderen Ländern denke und spreche ich Deutsch.

Zu Geschwistern geworden…

Meine deutsche Sprache ist es, die ich nicht eindeutig zuordnen kann. Einen Begriff für sie habe ich nicht finden können, nur eine Begriffsbestimmung, ich kann sie beschreiben, aber nicht definieren. Dabei habe ich beide Sprachen gepflegt, sie genährt durch Verstand, Schule, Bücher. Ich habe mich darum bemüht, meinen jeweiligen Wortschatz immer mehr zu erweitern wie eine fürsorgliche Mutter im Bemühen um ihr unschuldiges, unvoreingenommenes Kind. Ich habe gelernt, meine Sprachen zu schätzen. Für mich sind sie beide eher so etwas wie Geschwister.

Ich kann diese beiden Geschwister doch nicht am Internationalen Tag der Muttersprache stiefmütterlich behandeln! Also bleibe ich meinen beiden Sprachen treu und bezeichne sie nach chronologischer Logik: Türkisch ist meine Erst- und Deutsch meine Zweitsprache. Meine Sprachen haben keine Mutter.

Beide Sprachen waren ursprünglich Fremdsprachen für mich. Auf der Welt angekommen und mit Babyaugen erstmals die große Welt betrachtend, beherrschte ich noch gar keine Sprache. Sie waren fremd, kannten sich nicht, doch sind aus ihnen Zwillinge geworden. Der deutsche Schriftsteller Martin Kessel lehrt mich ihnen gegenüber Respekt zu zeigen: „Wer eine Fremdsprache lernt, zieht den Hut vor einer anderen Nation.“

Hut ab vor Deutschland und der Türkei!