Das Drama um die weiße Weihnacht: Der Klimawandel steht vor der Tür

Von Ellen Eigemaier

Bei vielen Diskussionen um den Klimawandel stellt sich vielen Menschen immer wieder die Frage: „Was geht mich das an?“ Schließlich empfände so mancher nach dem relativ kühlen Sommer des letzten Jahres eine Erwärmung um zwei oder drei Grad durchaus als angenehm, oder?

Solche Fragen zeigen sehr anschaulich, wie weit es mit dem Klimawandel hier bei uns schon gekommen ist, denn die Sommertemperaturen lagen 2007 so ziemlich genau im langjährigen Mittel. Das mag erst einmal Erstaunen auslösen, denn die Sommer der letzten zehn Jahre waren ausgesprochen warm und trocken in einer für Mitteleuropa sehr ungewöhnlichen Häufung. Eigentlich kommen solche „Super-Sommer“ nur als seltenes Einzelereignis alle paar Jahre mal vor. Ein Sommer wie 2007 ist da eher gewöhnlich, und es ginge eben auch noch kälter und nässer.

Das mag auf Anhieb nun wirklich so schnell niemand glauben, aber der etwas ältere Leser denke doch mal an die Sommer seiner Kindheit zurück. Wer erinnert sich da nicht an total verregnete und kühle Sommerferien? Und zwar deutlich „schlechter“ als letztes Jahr? Ein wirklich heißer Sommer war da schon eine Sensation und niemand erwartete, dass ein solcher mehrfach hintereinander auftreten würde. Die Erwartungshaltung ist da heute deutlich anders. Durch die Häufung von Super-Sommern verwöhnt, wurde ein Durchschnittssommer dann gleich als katastrophal schlecht wahrgenommen. Denn der Mensch ist nun einmal ein Gewohnheitstier und die Gewöhnung an positive Änderungen erfolgt allgemein sehr rasch. Und die breite Mehrheit der Bevölkerung nimmt wärmere und trockenere Sommer erst einmal als positiv wahr – eben als so richtig schönes Urlaubs- und Badewetter!

Anpassungen sind unabdingbar

Allerdings zeigt das auch, wie wenig die meisten die Natur um sich herum wirklich wahrnehmen. Denn hätten sie die Lage von einer anderen Warte aus betrachtet, hätten sie bemerkt, dass solche Sommer nicht von allen Seiten als positiv registriert werden. Da gibt es auch Phänomene wie ausfallende oder sehr geringe Ernten, besonders in den ohnehin trockeneren Gebieten Deutschlands. Der Rekordsommer 2003 hätte ohne die Nahrungsmittelversorgung über den Weltmarkt in einer massiven Hungersnot in weiten Teilen von Deutschland geendet. Und der über Jahre wiederholte massive Trockenstress hat in vielen Waldgebieten die Bäume so stark geschwächt, dass sie nun Krankheiten und Schädlingen kaum noch etwas entgegenzusetzen haben. Und diese Schädlinge werden immer mehr! Denn in den vielen milden Wintern sind sie in viel geringerer Zahl erfroren als sonst und immer mehr Schädlinge schaffen es jetzt zum ersten Mal seit Jahrhunderten überhaupt, bis in diese nördlichen Breiten vorzudringen. So werden Land- und Forstwirtschaft sowohl vermehrt von alten und gleichzeitig auch noch von neuen Schädlingen bedroht. Das sind keine guten Neuigkeiten!

Zum Glück können sich diese beiden Bereiche aber anpassen, indem auf besser auf die neuen Verhältnisse abgestimmte Arten umgestellt wird. Aufgrund der langen Wachstumszeiten für Bäume geht dies in der Forstwirtschaft natürlich langsamer als in der Landwirtschaft. Generell ist es aber möglich.

Vor neuen Herausforderungen steht auch die Wasserwirtschaft in Deutschland. Bisher war immer ausreichend gutes Trinkwasser in genügenden Mengen für alle da. Das muss nicht überall so bleiben. Zahlreiche Klimavorhersagen gehen davon aus, dass es im Winter zu verstärktem Niederschlag kommen, im Sommer dagegen aber immer weniger Regen fallen würde. Ausgerechnet im Sommer besteht aber ein größerer Wasserbedarf zum Trinken, Duschen und Schwimmen, gleichzeitig mit erhöhtem Bedarf für landwirtschaftliche Bewässerung und die Kühlung der Kraftwerke. Nun könnten plötzlich Engpässe auftreten. Wie soll man damit umgehen? Ganz konkret werden sich diese Fragen zuerst in Nordost-Deutschland stellen, denn dort ist die Wasserversorgung bereits jetzt angespannt.

Aber auch entlang des Rheins beispielsweise mussten schon Kraftwerke heruntergefahren und Schiffe gestoppt werden, da im Sommer die Wasserstände einfach zu niedrig waren. Solche Situationen dürfen wir in Zukunft nun häufiger erwarten.

Gleichzeitig mit dem sommerlichen Wassermangel kommt ein winterlicher Überschuss, der die Überschwemmungsgefahr im ganzen Land deutlich steigern könnte. Der bisherige Hochwasserschutz könnte damit bald überfordert sein.

Das sind alles Aussichten, an welche die Befürworter höherer Sommertemperaturen in Deutschland nicht denken. Und dabei sitzen sie alle doch schon mittendrin. Nur weil der Wandel so langsam geht, dass Menschen sich an die neuen Verhältnisse gewöhnen können, wird er bisher von der breiten Masse noch nicht wahrgenommen – außer bei Extremereignissen. Das ist schlimm, denn durch die mangelnde Wahrnehmung ist auch die Bereitschaft zu Änderungen der allgemeinen Politik und der eigenen Verhaltensweisen so gut wie nicht vorhanden. Dabei sind jetzt nicht die Reden gemeint, sondern das wirklich konkrete Handeln des Einzelnen.

Eingespielte Zyklen geraten durcheinander

Woran ist der Klimawandel in Deutschland zu erkennen? Zum Beispiel daran, dass viele Bäume immer früher mit der Blüte einsetzen. Da diese Daten in Deutschland schon lange erhoben werden, kann diese Tendenz sehr genau verfolgt werden. Bei manchen Arten hat sich der durchschnittliche Beginn der Blüte schon um 4 bis 6 Wochen nach vorne geschoben. Das hat seine guten Seiten, denn dann ist die triste, laublose Zeit nicht mehr so lang und der Baum kann früher beginnen zu wachsen und für uns Sauerstoff erzeugen. Das ist aber auch mit Risiken für den Baum verbunden, denn in einem Winter wie dem vorangegangenen, wo zwischen zwei kalten Phasen mit Schnee schon einmal über Wochen hinweg mildes Wetter herrschte, ja sogar Temperaturen bis 20°C erreicht wurden, hatten solche Bäume schon ausgetrieben. Und in dieser Wachstumsphase sind sie besonders anfällig für Frost. Einmal kann es ein Baum ausgleichen, wenn er massiv geschädigt wird. Gefährlich wird es, wenn er danach noch einmal durch Frost, Trockenheit oder Schädlinge geschwächt wird. Das kann dann das Ende sein.

Die frühere Baumblüte hat dann aber auch noch ganz unerwartete Folgen: Das Ökosystem ist auf die über Jahrhunderte eingespielten Zyklen eingestellt. Die Baumblüte läutet eine neue Generation von Insekten ein, die dann anschließend den brütenden Vögeln als Nahrung dienen. Diese Systeme passen nun auf einmal nicht mehr so einfach zusammen. Die Wandervögel richten sich mehr nach dem Sonnenstand und nicht nach den hier herrschenden Temperaturen. Normal traf ihr Brutzyklus genau die richtige Periode, um optimal mit Futter – in diesem Fall speziellen Insekten – versorgt zu sein. Nun sind aber auf einmal die Insekten deutlich früher mit ihrem Lebenszyklus dran und die auf sie angewiesenen Vögel müssen auf einmal darben, ohne zu wissen, warum.

So geraten langsam, aber sicher ganze Ökosysteme durcheinander. Manche Tiere, besonders die Zugvögel, können das ausgleichen, indem sie im nächsten Jahr einfach weiter nach Norden ziehen, bis sie Regionen erreichen, in denen ihre Ankunftszeit wieder auf den richtigen Zyklus der Insekten trifft. Diese Vögel werden wir dann hier auf Dauer vermissen.

Schwieriger ist das für Pflanzen, deren Blüte möglicherweise ebenfalls nicht mehr zeitlich mit den zur Bestäubung notwendigen Tieren übereinstimmen könnte. Sie würden sich dann nicht mehr fortpflanzen und in entsprechenden Regionen aussterben. Auch diese Pflanzen werden wir dann irgendwann vermissen. Allerdings werden andere Arten einwandern und einen gewissen Ersatz schaffen.

Auch die Landwirtschaft würde auf Dauer gesehen auf anderen Pflanzenarten umstellen müssen, die dann mit den neuen Klimaverhältnissen besser zurechtkommen würden. Deutschland ist da in der glücklichen Position, dass sich das Klima nicht so schnell komplett lebensfeindlich entwickeln wird. Zumindest nicht für Menschen, die mit heißem Wetter leben können. Denn Klimawandel würde auch heißen, dass ein Sommer wie 2003 schon etwa in der Mitte dieses Jahrhunderts nur noch Durchschnitt sein würde. Ein Sommer, der allein in Deutschland den Tod von ca. 7.000 Menschen verursacht haben soll, europaweit sogar von ca. 35.000. Auch wenn eine ähnliche, kürzere Hitzewelle 2006 in Frankreich wesentlich weniger Opfer zur Folge hatte, war dies nur massiven Investitionen in Gegenmaßnahmen wie dem Einbau von Klimaanlagen oder Kühlaggregaten zu verdanken.

Lieber Leser, ich weiß nicht, wie gut Sie mit der damaligen Hitze zurechtgekommen sind. Die Autorin jedenfalls hat die Temperaturen gar nicht gut vertragen und wird es bei fortschreitendem Klimawandel so machen müssen wie andere Arten, die an kühle Temperaturen angepasst sind – auswandern oder aussterben.